VOM RECHTEN GOTTESDIENST

MEHR LICHT

Vorwort

Geleitwort
Denen, die des Schlafens müde wurden.
Die Baumeister am Dome der Menschheit.
Theosophie und Pseudotheosophie.
Von den drei Stufen.
Was es zu fassen gilt!
Das Mysterium der künstlerischen Ausdrucksform.
Westöstliche Magie.
Das Licht des Geistes im Christentum.
Das Geheimnis der alten Dombauhülten.
Vom rechten Gottesdienst.


VOM RECHTEN GOTTESDIENST

 

Unzählige Arten der Gottesverehrung hat der Menschengeist im Laufe der Jahrtausende ersonnen und je nach seiner Vorstellung von „Gott” fand hier jede menschliche Empfindungsmöglichkeit ihren Ausdruck, von wildester Roheit bis zur erhabensten Geistigkeit.

Allen diesen Arten der Gottesverehrung lag und liegt aber der anthropomorphe Gedanke zugrunde, als ob „Gott” des Dienstes der Menschen bedürfe, — als ob dieser Gott vom Menschen erwarte, daß er ihn bediene, — wie das tote Götterbild den Dienst des Menschen braucht, soll es das Leben in Phantasie und Unterbewußtsein seines Dieners nicht verlieren.

 
 
On the true service of God
 

Wohl sind die höheren Arten solchen Gottesdienstes dazu angetan, das Gemüt des Menschen zu befruchten und zu erheben, oft tiefste Schächte urgeistigen Empfindens aufzureißen, in Kultusformen Symbole erhabenster Erkenntnis zu schaffen, und dennoch ist das alles nur — Menschendienst, nur aus dem Bedürfnis des Menschen heraus entstanden, seinem eigenen Geiste Anregung zur Erhebung zu bringen, sich selbst in kultischen Formen das eigene Verhältnis zum erträumten, erahnten, geglaubten oder schon erkannten Weltgrund deutlich zu machen.

All das mag dem Menschen stärkste Förderung werden auf seinem Wege in die geistige Welt, aber es bleibt Dienst an der eigenen Seele, wird nur fälschlich als „Gottes-Dienst” bezeichnet, ist nicht der „rechte Gottesdienst”, von dem ich hier rede.


Dieser rechte Gottesdienst ist kein Bedienen der Gottheit, kein Kult, in der Meinung zelebriert, damit der Gottheit schuldigen Tribut zu entrichten, sondern ein freiwilliges Darbieten aller Kräfte und Fähigkeiten des Menschen, damit sie Diener des göttlichen Willens werden, auf daß sie bedingungslos sich der Lenkung des lebendigen Gottes in des Menschen eigener ewiger Geistigkeit unterordnen, — eine Erlösung aus dem Chaos wilder Wünsche, ein Kristallisationsprozeß, bei dem jedes Kräfteatom sich der ewigen kosmischen Gestaltungskraft überläßt, um so an seine geordnete Stelle zu gelangen.

Mag der Mensch auch in äußeren Kulten seine Erhebung suchen, mag auch die Seele tief innerlich berührt durch kultische Handlung sein, so wird doch wirkliche Vereinung der Seele mit der Gottheit nur ge funden durch solche Hingabe aller Kräfte des Menschen in ihre Hand.


Hier wird eine „Dienstbarkeit” gefordert, die allein zu höchster Freiheit zu führen vermag, ein Dienen, das zum Herrschenlernen in sich selber leiten soll, ein Unterordnen, um alles Niedere dem Höchsten anzugleichen, damit es im Rhythmus dieses Höchsten zu schwingen vermag, und so erhalten bleibe durch alle Äonen ewigen Lebens. —

Dieses Erhalten der Individualität, der Bewußtseinsfülle, über den Tod des Körpers hinaus, aber durch ihn nicht berührt, durch alle Ewigkeiten hindurch, — dieses In-Gleichklang-Setzen aller Kräfte mit dem ewigen Gottesfunken, um den herum sich alles Bewußtsein geordnet kristallisieren soll, ist ja dem Wissenden der Endzweck allen richtigen geistigen Strebens des Menschen auf dieser Erde.

Was nützen alle okkulten Künste und seien es auch die erstaunlichsten Fakirleistungen, da sich alles das doch nur auf diese physische Erscheinungswelt bezieht, die uns als solche verläßt, sobald das Gehirn des menschlich-tierischen Körpers nicht mehr als Empfindungstransformator zur Verfügung steht?
Was nützt alle hellseherische Begabung, da sie doch bestenfalls nur die sonst unwahrnehmbaren Bilder der astralen terrestrischen, gemeinhin physisch unsichtbaren „Aura” dieses Planeten erkennen läßt, und den Hellseher nur gröblicher Täuschung unterwirft, wenn er zu der Meinung verleitet wird, was er sieht, sei bereits den Welten des reinen Geistes nahe, oder gar diesen Welten innewohnend?

Was nützt alles verstandesmäßige Erkennen, alles Wissen über die Welten des Geistes, wenn doch alles das mit dem Fortfall der Gehirnfunktionen lautlos in Nichts zerstäubt und nie mehr im seelischen Bewußtsein gefunden werden kann, falls dieses seelische Bewußtsein nicht vorher, noch während es das Gehirn zur Verfügung hatte, den ewigen Willen zur Einigung mit seinem lebendigen Gott, seinem göttlichen Geistesfunken im innersten Innen, erreichte?


Diese Einigung aller Seelenkräfte, aller Empfindungsmöglichkeiten, auch der durch den Körper allein gegebenen, im allerinnersten „Ich”, — in der höchsten Region inneren Fühlens, die allein die Gottheit erreicht und sie eben nur im Menschen selbst, als den in ihm lebendigen Gott erreichen kann, — ist die einzige geistige Aufgabe des Menschen, die sich wirklich aller Anstrengung wert erweist.
„Das Himmelreich leidet Gewalt, und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich! ”

Wahrlich, es braucht „Gewalt”, alle störenden Einreden des nur auf die physische Welt und auf die aus ihr abgeleiteten Spekulationen beschränkten Verstandes abzuweisen, damit die innere Stille zustande kommt, die uns das Urbild unseres „Ich” empfinden läßt, unsern lebendigen Gott, der uns jeden Augenblick unseres Seins stets neu nach seinem Bilde schafft, — dessen ewigen Schaffens Ausdruck wir geistig sind, — dem wir völlig uns angleichen sollen, damit wir aus seinem Bewußtsein heraus, durch alle Ewigkeit hindurch, uns selbst in Bewußtseinsidentität zu erhalten fähig werden!


Nicht eine verkrampfte Anstrengung des Willens ist hier gemeint, nicht eine erquälte „Konzentration”, sondern ein stets waches, energisches Abweisen aller lauten Vordringlichkeit des Intellekts, ein Bändigen seiner anmaßlichen Ansprüche, auch in einer Region das große Wort zu führen, die ihm niemals zugänglich ist! — Diese Zurückweisung aber ist unumgänglich nötig, damit das große Lassenkönnen möglich werde, das, — als Vorausbedingung, — erreicht sein muß, sollen alle unsere Empfindungskräfte zu willigen Dienern unseres inneren Gottes werden, aus dem wir leben und sind, — soll der ewige Mensch im Erdmenschen aus seinem Grabe erstellen, aus dem Geiste neu geboren: — Bild und Gleichnis seines „Vaters” der in ihm in seinem „Himmel” ist.
Wohl aber kann uns bei solchem Streben der Intellekt „wie ein Zugtier” vorwärts bringen, sobald wir ihn gebändigt haben!
Es ist auch gewiß verstattet, das geistig Erfühlte, nachdem es erfühlt ward, auch auf intellektuelle Weise zu be trachten: — sich gleichsam ein Gedanken gebäude nach logischer Folge aufzurichten, als geordnete „Schatzkammer”, in der wir die Kleinodien unseres inneren Fühlens zu verwahren wissen. Ja ohne ein solches selbst erbaute Schatzhaus wäre unser inneres Erleben, wäre der Schatz unseres geistigen Erfühlens sehr in Gefahr, uns im Leben des Alltags wieder verloren zu gehen, verstreut zu werden in alle Winde, statt uns stets in geordneter Weise zur Verfügung zu stehen.

Aber niemals darf der Intellekt die Führung erhalten, wenn wir uns im Frührot ferner Ahnung auf den Weg des Suchens begeben, des Suchens nach dem, was unser Aller bleibender unzerstörbarer Lebenskern, unser Aller innerste Heimat, unser Aller unbegreiflichstes Wunder: — das „Juwel in der Lotosblume” ist.


Der Verstand ist ein guter Pfadfinder, wenn es gilt, die Wegspuren zu entdecken, die zur Erkenntnis jener Dinge führen, die in der physischen Welt der Sinne ihre letzte Auswirkung zeigen, und hier soll man ihm wahrhaftig vertrauen, soll ihm alle Gelegenheit geben, sich zu entfalten, denn auch der Verstand ist göttlichen Ursprungs und wohltätig wirkend an seinem, ihm vorbehaltenen Ort.

Wollen wir aber zu Gott gelangen, so dürfen wir nicht außen suchen, — auch nicht in jenem Außen, das den meisten schon als ein „Innen” erscheint, weil keiner ihrer Sinne es mehr zu fassen imstande ist.

Auch wenn der Menschengeist in den höchsten geistigen Regionen Ewigkeiten hindurch nach Gott suchen wollte, würde er niemals Gott begegnen, denn so, wie in der ganzen physischen Natur niemals Naturkraft an sich zu finden ist, und dennoch in jedem Atom dieser Sichtbarkeit erkannt wird, so äußert sich Gottheit nur in den aus ihr gezeugten Geisteswesenheiten, — in jeder individuell gesondert auf die nur in ihr allein erstrebte Weise der Offenbarung, — und kann niemals, auch nicht in einer der höchsten Geisteswelten, isoliert und für sich bestehend gefunden werden.

Wir müssen Gott in uns selbst entdecken, in seinem ewigen, zeugenden Leben, und damit wir Gott in uns selbst entdecken können, ohne uns selbst einen Götzen aus uns zu schaffen, und so einer argen Täuschung zu erliegen, müssen wir hier der Führung Jener vertrauen, die bereits im Bewußtsein Gottes leben, die ihre Kräfte Gott zu Dienern gaben und sich dem ewigen Urbild einten, das sie zeugt.


Es wäre freilich törichter Glaube, wollte man erwarten, hier in diesem durch völlig andersartige Gesetze bestimmten Leben der Erde den höchsten gottgeeinten Geisteswesen als sichtbaren Gestaltungen zu begegnen. Auch wird die Menschenseele, die sich hier ihrem lebendigen Gotte einte, und ihrer Kräfte Herrscher ward aus Gott, dem sie diese Kräfte zum Dienste weihte, niemals, solange sie mit dem Körper des Menschentieres verbunden bleibt, von irdischen Banden frei, und kann, selbst in höchster Vollendung, nur die niederste Stufe göttlicher Geisteseinung erreichen. Selbst der Gottgeeinte, aus dem sich ein Leuchtender des Urlichtes den Offenbarer schafft, wäre aus sich allein unfähig, die ihm erschlossenen höheren Stufen zu ersteigen!
Zwar leben auch Geisteswesenheiten in der geistigen Region dieses Planeten, die auf weitaus höherer Stufe stehen, als sie ihnen in physischer Verkörperung zugänglich wäre, aber sie sind entweder längst vom irdischen Körper befreit, oder waren niemals an ihn gebunden, weil sie nicht dem Falle der Geister erlegen waren.

Sie können uns aber nur von innen her fühlbar, können nach ewigen Gesetzen nur der gänzlich gottgeeinten Seele eines Menschen unter gewissen seltenen Umständen schaubar und hörbar werden.

Äußerst selten nur sind die wenigen Fälle, in denen ein irdischer, sinnengebundener Mensch diese Geistigen wahrzunehmen imstande war, — zahllos aber sind hier die Täuschungsmöglichkeiten, zahllos die Berichte solcher Menschen, die Gebilde der Täuschung sahen und nicht anders glauben konnten, als daß ihren Sinnen sich ein Geistiger offenbart habe.

Kaum auszurotten ist der Wahn, daß „Hellsehern” diese hohen Geisteswesen sichtbar werden könnten, und Tausende wollen das Hellsehen „lernen”, weil sie meinen, wenn sie es könnten, wären sie imstande, Geistiges mit inneren Sinnen wahrzunehmen.

Man kann aber weder Hellsehen „lernen”, noch hat je ein Hellseher anderes erschaut, als was in der nieder astralen, keineswegs „geistigen” Aura eler Erde an täuschemdem Gebilden und täuschungslustigem Wesen keineswegs geistiger Art zu finden ist.

Wohl gibt es Methoden, die Kräfte der plastischen Phantasie des Menschen so zu überreizen, daß sie ihn alles als scheinbare Wirklichkeit sehen und hören lassen, was er sehen und hören will. Wohl können einem derart betrogenen Menschen „innere Aufschlüsse” werden, in denen Wahres und Falsches sich in grotesker Mi schung mengt. Wohl kann er grandiose Phantasiegebilde Anderer, oder selbstgeschaffene Trugbilder als scheinbare „Wirklichkeit” erblicken. Doch wer sollte hier im Zweifel sein, daß ein solcher Mensch noch viel bedauernswerter ist, als der wirkliche Hellseher, der seine fragwürdige „Gabe” stets von Geburt an mit auf die Erde bringt, und der doch wenigstens ein tatsächlich erdenhaft „Wirkliches” wahrnimmt, wenn er auch fälschlich glaubt, daß die Welten des Geistes ihm erschlossen seien!


Es ist eine gänzlich verkehrte Einstellung der Wünsche, wenn ein Mensch dem Geistigen zuzustreben glaubt, und dabei hofft, recht bald mehr oder weniger sinnenfällige Beweise des Daseins geistiger Welten zu erlangen.

Ganz davon abgesehen, daß es ihn niemals weiter bringen würde, wenn auch sämtliche „Welten” des reinen wesenhalten Geistes gar seinem physischen Auge erschossen wären, — daß auch hundertjährige, stete Zwiesprache mit den höchsten geistigen Wesenheiten doch ihn immer auf der gleichen Stufe verharren lassen würde, auf der er den Austausch begonnen hätte, — darf er auch niemals glauben, daß er dereinst, im Tode körperfrei geworden, Geistiges sofort auf allen geistigen Stufen erkennen könne.
Hier erkennt sich nur, was gleicher Artung ist, und selbst ganz gottgeeinte menschliche Geisteswesen können in geistigen Welten nur empor bis zu jenen Stufen dringen, die ihrer eigenen Geistigkeit entsprechen.

Wo es notwendig ist, steigen Wesenheiten von höherer geistiger Stufe herab, um belehrend Kunde zu bringen von dem, was ihnen erschlossen ist, wie das bei der Schaffung des irdischen Geeinten eines im Urlichte Leuchtenden unvermeidbar wird, — denn höhere Geistigkeit kann wohl die Sphäre niederer Stufen zeitweilig entsagend betreten, während die Geistigen auf solcher niederen Stufe sich selbst zerstören würden, falls dies möglich wäre, wollten sie versuchen, in Sphären des Geistes vorzudringen, zu deren Betreten sie noch nicht bereitet sind. (Die niederen mentalen Einflüsse die jeder Erdenmensch erfahren kann, stammen nicht aus geistigen, sondern aus den Regionen der unsichtbaren physischen Welt! ) Es herrschen allerwärts strengste geistige Gesetze, denen sich willig beugt, was wahrhaft des ewigen Geistes ist.

Weise hat das ewige Urlicht, das in allem Geistigem leuchtet, seine Strahlen schützend umhüllt für alles, was nicht in solcher Weise sich dem Geiste geeint findet, daß es auch des göttlichem Geistes wesenhaftes Licht zu ertragen imstande ist!


Was sollte es auch dem Menschen der Erde nützen, könnte er Geistiges erschauen, solange er nicht in sich selbst dem Geiste absolut geeinigt wurde?

Es würde ihm nur zu namenloser Qual, und keine Höllenpein, die teuflische Tiermenschenwollust je ersann, ist derart grausam, daß ihre Martern jenen Peinen gleichen würden, die ein menschliches Bewußtsein empfinden müßte, das Geistiges zu schauen fähig wäre, bevor es selbst, dem Geiste auch substantiell geeint, des Geistes Leben zu teilen imstande ist.

Es bleibt nur Eines, das not tut: — Alle Kräfte der Seele, alle Empfindungsfälligkeit des Körpers, jeden Impuls und jede Regung, dem Geiste, — dem lebendigen Gott in uns, — willig und ohne Vorbehalt zum Dienste an uns darzubieten, damit es dem ewigen, göttlichen Geiste möglich ist, allmählich sich mit unserem menschlichen Bewußtsein zu vereinen und uns aus sich heraus wieder diese Kräfte, Impulse, Regungen und Empfindungsfälligkeiten zu willfährigen Dienern zu geben, — nachdem wir bereitet wurden, sie aus dem ewig uns zeugenden leuchtenden Kern unseres Seins heraus zu beherrschen.
Das ist der „rechte Gottesdienst”, den Jeder vollbringen muß, der sein irdischmenschliches Bewußtsein mit hinübernehmen will, nicht nur für scheinbar endlose Zeiten, sondern für alle Ewigkeit!
„Wirket, solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kan ”


Hier in diesem Erdenlebcn ist es dem Menschen möglich, zu „wirken”. — Nach dem Verlassen der physischen Welt aber findet er sich in dem Zustand, den er sich selber schuf und muß passiv verharren, bis sich ohne sein Zutun, vielleicht in kürzerer Zeit, vielleicht auch erst nach Jahrtausenden, — in irdischer Weise zu sprechen, — sein Seelisches derart geläutert hat, daß es substantiell gottgeeintcn Geisteswesenheiten gelingt, in ihm das Bewußtsein vom wesenhaften Innewohnen seines göttlichen Wesenskernes, seines lebendigen Gottes, zu erwecken. Erst dann kann in ihm die Willensumkehr erfolgen, durch die er alle Kräfte seinem „lebendigen Gott” zum Dienste überläßt, wodurch dann erst die Vereinung seines Bewußtseins mit dem ewigen Bewußtsein des göttlichen Geistes in ihm herbeizuführen ist, die auch kein „Gnadenakt” der Gottheit jemals anders herbeizuführen vermag!

Dann aber ist sein erdenmenschliches Bewußtsein ihm längst entschwunden, wie ein Traum, der sich selbst entschwand.

Er ist zwar „gerettet”, aber sein Leben auf dieser Erde mit all seinem Trachten, seinem Glück und seiner Mühsal ist auf ewig ihm unerinnerbar geworden, er hat den Preis des Siegers, die Erweiterung des Bewußtseins Dessen, der die äußersten Reiche göttlicher Selbstoffenbarung durchlaufen hat, für sich nicht erlangt!

Zwar wird auch er, — dann dem göttlichen Geiste Darstellungsform geworden und mit seinem ihm gleichgearteten männlichem oder weiblichen geistigen Gegenpol vereint, — in der Fülle unendlichen Glückes das Leben des reinen Geistes leben, deoch ungleich höher ist die Art der Selbstempfindung jener ewig Geistigen, die in all ihrem unendlichen Glück auch des Bewußtseins der tiefsten Tiefe noch fähig bleiben, in die sie, dem Erdenmenschentiere einst verbunden, hinabgetaucht waren.

Wie der Mensch der Ebene, in seiner ganzen Seele erschüttert und beglückt vor den Wundern der Bergwelt steht, von dem Gebirgsbewohner zuweilen kaum in seiner Andacht verstanden, so ermißt erst der Geist, der auch aller Tiefen noch bewußt sich erinnern kann, die ganze Höhe seines Glückes, und je höher die Stufen werden, die er, wenn auch erst in Äonen, erreichen soll, desto weniger möchte er die Erinnerungsmöglichkeit an seine tiefste Stufe missen.


Da Geistiges niemals in seinem Wesen veränderlich ist, so handelt es sich bei dem Aufstieg der Seele auch niemals um eine Veränderung ihres göttlich-geistigen, ewig sie zeugenden Wesenskernes.

Der „lebendige Gott” in des Menschen innerstem Innen, dem er hier schon auf dieser Erde sich im Bewußtsein zu einen vermag, ist der Gleiche, auf jeder geistigen Stufe, die je erreicht wird, durch alle Ewigkeit hindurch.

Nur der Zustand der Seele, der Zustand menschlich-seelischen Bewußtseins erweitert sich, um stets höhere geistige Bewußtheit zu erlangen, um stets weitere Unermeßlichkeiten geistigen Seins empfinden zu können.

Würde es sich nur darum handeln, irgendein Individualbewußtsein seelischer Art um den geistigen, zeugenden Wesenskern herum zu bilden, dann wäre jedes Trachten nach der Einung des Bewußtseins mit dem Geiste, hier während dieses irdischen Lebens, völlig überflüssig, denn die Einung kann, mit Ausnahme der Fälle gänzlicher Bewußtseinsauflösung, nach ewigen, dem göttlichen Leben inhärenten Gesetzen noch erfolgen, auch wenn sie erst in Äonen erfolgt.
Der Weckruf aller wirklichen Geisteslehrer der Menschheit erging zu allen Zeiten deshalb, weil es das höchste Glück der Seele in aller Ewigkeit ausmacht, ihr irdisches Bewußtsein und damit die Fähigkeit des Erinnerns in sich zu erhalten, und weil unsägliches Leid der Seele, das zur Auslösung kommen kann, nachdem sie den Erdenkörper verlassen hat, durch ihre Geisteseinung während des irdischen Lebens vermeidbar wird.

Die Menschheit zu jeder Zeit durch ihre berufenen Sprecher auf diese Bahn vermehrten Glückes hinzuleiten, ist Aufgabe Derer, aus deren Mitte heraus ich diese Lehren künde und jedes Wort dieses Buches soll seine Leser nichts anderes lehren, als diese Art des „rechten Gottesdienstes”.

 

Möge keiner, der diese Worte liest, aus diesem Leben irdischer Mühsal scheiden, bevor sein Bewußtsein geeinigt wurde seinem „lebendigen Gott”!

Möge keiner in jene „Nacht” der Unmöglichkeit eigenen Wirkens gelangen, aus der es kein Entrinnen gibt, ehe die Schuld des Harrenden „bis auf den letzten Heller” beglichen ist!

Noch ist es „Tag” und hilfreiche Hände sind am Werke, Allen geistige Hilfe zuzuleiten, die danach verlangen. — Es bedarf keiner Sonderschulung, diese Hilfe herbeizuziehen, und keiner persönlichen Einzel-Belehrung, sie sich zu eigen zu machen.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!”