Die kreuzabnahme und DER AUSKLANG

Die kreuzabnahme
und der Ausklang


Nachspiel Osternacht




 

DER AUSKLANG



DAS GRÖSSTE, was ein Mensch der Erde je vollbringen konnte, ward noch im Kreuzestod dereinst auf Golgatha vollbracht: – des Erdenmenschen Schicksal ward gelöst aus kosmischer Verhaftung! – –

Es ist nun weiter zu berichten, was nach des Meisters Erdentod sich noch ereignete, da hier die Wahrheit durch das Werk der frommen Phantasie schon in den allerersten Zeiten Übertünchung leiden mußte, durch die das wirkliche Geschehen aller späteren Zeit verborgen bleiben sollte. –
Wohl trägt die fromme Mär in sich der Wahrheit Kern und wer ihn unter seiner Hülle fassen kann, wird nicht betrogen sein.
Wohl ist der Leuchtende aus seinem Erdengrabe «auferstanden», allein die irdische Erscheinung konnte ihm in seiner «Auferstehung» nicht mehr Träger seines Wesens sein.
Wohl ist der Leuchtende auch heute noch bei dieser Erde, und seinen Brüdern, die in irdischer Erscheinung wirken, sichtbar in der geistigen Gestaltungsform, die seiner erdenhaften Daseinsform in der ihn seine Jünger kannten, voll entspricht. –
Allein dies alles kann gewiß nicht hindern, daß dem irdischen Geschehen nach des Meisters Tode für die Nachwelt noch Bedeutung innewohne.
So sei denn dargestellt, was sich dem Schauen zeigt, da doch der Kern des frommen Glaubens der die Menschen durch Jahrhunderte hindurch beglückte, in diesen Tagen kaum der Hülle mehr bedarf, ja durch die Hülle in Gefahr gerät, von denen nicht erkannt zu werden, die ihn suchen. – –
Es folge hier nun der Bericht:

Die vornehmen Freunde des Meisters hatten sogleich nach seinem Tode alles aufgeboten um seinen Leichnam durch den römischen Prokurator zu erhalten, da vorher alles vergeblich gewesen war, was sie unternommen hatten um den Todesgang ihm zu ersparen.
Der Prokurator aber – des Meisters Freunden ohnehin wohlgesinnt, und voll Verachtung gegenüber der Tempelpriesterschaft, die ihn zu zwingen wußte, einen Mann zu richten, der ihm nie und nimmer eine Staatsgefahr zu bilden schien – gewährte nur zu gerne nun den Freunden ihren Toten, nachdem er vorher trotz dem besten Willen nicht imstande war, den Lebenden ihnen zu retten.
Als aber die Tempelpriester davon hörten, und mit Sicherheit wußten, daß ihnen kein Gehör beim Prokurator würde, bestürmten sie den Obersten der Stadtwache und erreichten, daß er ihnen Wächter stellte, die das Grab bewachen sollten, denn sie fürchteten sehr, daß des Toten Anhang sonst bei dem Grabe weheklage und seine Wut sodann gegen die Priester richte.
So erhielt das Grab nun eine römische Wache, die den Auftrag hatte, jede Ansammlung dort zu verhüten.

Es lebten aber zu der Zeit die hohen Brüder des Meisters — die ihn einst geschult und als der Ihren einen vollendet hatten zu seinem Priesterkönigtum – verborgen noch an nahen Orten im judäischen Gebirge, und während seines Wirkens war der hohe Meister ihnen oftmals in der Einsamkeit begegnet, hatte oft sie an den Stätten ihrer Abgeschiedenheit besucht.
Sie wußten, was ihm widerfahren war und hatten ihn nicht retten können, denn seine geistige Schuld: daß er – wenn auch für Augenblicke nur – die äußerliche Macht auf Erden sich zur Seite stellen wollte, hatte sein Geschick entwunden jener hohen Geistesleitung der sie unterstanden, und die auch ihn einst führte, bevor er sich bei jenem Einzug in Jerusalem für kurze Zeit betören ließ durch das bestürmende Begehren derer, die in ihm den Retter aus der äußeren Bedrängnis sahen.
Die Wandlung der Gesetze in der unsichtbaren Erde, die er dann selbst durch seine Liebestat auf Golgatha vollbrachte, hätte sein Endesschicksal ihm erspart, wenn vor ihm ein Anderer ihr Vollbringer gewesen wäre. – –
Da aber diese Wandlung erst in seiner letzten Stunde sich durch ihn vollbringen ließ, so mußten seine hohen Brüder, schmerzerfüllt und doch im Innern jubelnd seines Siegs gewärtig, ihn den Leidensweg betreten lassen. – –

Sie wußten nun um sein Grab, und ihnen war er lebend nahe in seiner geistigen Gestaltung.
So taten sie was zu tun war, völlig mit seinem Einverständnis und nach seinem Willen, damit kein törichter Kult um seinen Erdenleichnam sich bilde.
Es war einer unter ihnen, der die Kunst verstand, bei bloßer Wechselrede Menschen in magischen Schlaf zu bannen.
Dieser ging voran zu des Grabes Wächtern, und da er wie ein Großer der Römer gekleidet war, so gaben die Wächter ehrfurchtsvoll Antwort seinen Fragen, bis ihre Zungen nur noch lallen konnten und sie zuletzt in tiefen Traumschlaf niedersanken.
Nun war die Zeit gekommen, die anderen Brüder, die in der Nähe harrten, herbei zurufen.
Mit einiger Mühe öffnete man das Grab und nahm den Leichnam sorglichst heraus.
Dann legte man ihn, umbunden mit seinen Leichenbinden, auf zwei lange Tücher die man mitgebracht hatte, so daß er gleichsam auf dem einen saß, indeß das andere den Oberkörper hielt.
In monderhellter Nacht trug man sogleich die geliebte schwere Bürde mit vieler Mühe weit hinauf in das Gebirge, bis zu einer Felsenschlucht die man schon vorher ausersehen hatte: — allwo ein Scheiterhaufen tags zuvor bereitet worden war, und zwei der hohen Brüder harrten.
Es waren aber diese Brüder vornehme Männer aus fremdem Stamme — einst weit her vom Osten gekommen — und nach ihres Stammes Weise wurde der teure Leichnam nun hier verbrannt, wo man gesichert war vor jeglicher Störung. Das Licht des Mondes dämpfte zudem jeden Feuerschein, und weit und breit war dazumal in jener Wüstenei kein Mensch gesiedelt, so daß man auch ein Feuer nicht beachtet hätte, wäre nicht die Schlucht schon Schutz genug gewesen, es vor Entdeckung in der Weite ringsherum zu hüten.

Als dann im lichten Frührot die Glut erlosch, sammelten sorglich die hohen Brüder jeden Überrest der noch verblieben war, und trugen ihn, in Tücher eingehüllt, auf langer Wanderung dem Jordan zu, um dort das Letzte, das noch von des Meisters irdischer Erscheinung stammte, in dieses Flusses Fluten zu versenken, so wie es ihrem Stamme Brauch und Sitte war.
Sie blieben darauf, zurückgekehrt, noch geraume Zeit an ihren verborgenen Orten im Gebirge und suchten von dort aus dann und wann die Schüler des Meisters auf, die nach seinem Scheiden aus der Sichtbarkeit noch in seiner geistigen Gemeinschaft blieben.
Zwölf Monde später aber verließen sie dauernd die Gegenden Palästinas, wanderten gen Osten: ihrer Heimat zu — nahe dem höchsten Gebirge der Welt…

Sie waren wirklich jene «Könige» aus Morgenland — die Priesterkönige und königlichen Priester — die einst den «Stern» des jungen Zimmermanns aus Galiläa «fern im Morgenland gesehen» hatten und gekommen waren ihn zu schulen bis er seine Sendung selbst erfassen konnte, — auch wenn sie nicht, wie jene spätere Sage will, schon zu des Kindes Wiege knieten um ihm ihre Gaben darzubringen. – –
Die Sage formte nur auf ihre Art, was einst die Wenigen die in des Meisters nächster Nähe waren, durch ihn selbst erfahren hatten, und später denen, die bei ihnen Lehre suchten, in tief geheimer Rede anvertrauten.
Sie formte es wohl altem, fernem Vorbild gleich, und dennoch wahrte sie der Wahrheit Züge, denn wenn auch sieben dieser hohen Brüder einst zu jener Zeit das öffentliche Wirken ihres neuen Bruders aus der Nähe sahen, so waren doch nur drei von ihnen seine eigentlichen Lehrer, — und drei der Leuchtenden sind jeweils nötig, soll ein neuer Ring der goldenen Kette eingeschmiedet werden, die von den ersten Tagen dieser Menschheit an sich stets erneuern muß in jedem Menschenalter. – – –


Aus: Die Weisheit des Johannes pdf Seiten: 56-66