Des Leuchtenden Erdeweg

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Des Leuchtenden Erdeweg


Erstes Zwischenspiel Von der Geburt Jesu
Zweites Zwischenspiel Von der Jungfrau
Drittes Zwischenspiel Vom Logos und vom Johannes der Täufert
Vierter Zwischenspiel Von der Bergpredigt und die Parabel

 

Kapitel I

Des Leuchtenden Erdeweg

Geboren zu Nazareth in Galiläa – nicht etwa «Nazoräer» nur genannt nach einer mystischen Sekte – wurde er von seinem Vater schon im zartesten Kindesalter samt der Mutter mit nach Ägypten genommen, allwo zu jener Zeit gerade das Handwerk des Vaters gut gelohnte Arbeit fand. Aus dem, was so tatsächlich einst geschehen war, wurde später die sagenhafte «Flucht nach Ägypten». – (Matthäus 2:13-23)
Nach wenigen Jahren dann: zurückgekehrt zu seinem Heimatsort, half er, sobald er halbwegs herangewachsenwar, seinem Vater bei der Arbeit und lernte so, fast noch im Spiel, die ersten Handreichungen tun, soweit sie seinen Kräften angepaßt erscheinen mochten.
So wurde er schon in früher Jünglingszeit des Vaters Gehilfe,wurde ein Zimmermann, was in jenen Zeiten heißen wollte, daß er nicht nur bauen lernte, was aus Holz zu bauen ist, sondern auch alles gröbere Haus- und Ackergerät aus Holz zu fertigen wissen mußte.
Zum Erwerben auch nur der geringsten äußeren Gelehrsamkeit war weder Zeit vorhanden, noch entsprach es Sitte und Gewohnheit, daß ein armer junger Handwerksmann nach derlei Dingen strebe.
Erst als sein geistiger Entwicklungsgang – von dem ich nun zu künden haben werde – längst vollendet war, erlernte er durch Anleitung gelehrter Freunde, die er dann gewonnen hatte, die Kunst des Schreibens in den Zeichen seiner Muttersprache.
Mit seiner geistigen Entfaltung aber ging es also zu:

Vom Vater hatte er nur die Gebete gehört, die jeder fromme Jude zu beten pflegte.
An jedem Sabbat hörte er die übliche Erklärung des Gesetzes, das von den Alten überkommen war.
Auch hier war ihm, der selbst nicht in den Schriften lesen konnte, nur sehr weniges erschlossen.

Wohl aber ward ihm schon seit früher Jugend, wenn er müde von der Arbeit, aber nicht im Geist ermüdet, wachend noch auf seinem armen Lager ruhte, geheimnisvolle geistige Belehrung, die er selbst den Eltern streng verborgen hielt, durch die er aber mehr und mehr die Weisheit des Gesetzes zu erkennen glaubte, die – wie er meinte – jene Anderen erkannten, die in den Schriften selbst zu lesen wußten.
Wohl verriet er sich dann und wann, wenn er die Alteren in der Gemeinde, am Sabbat oder an den hohen Festen über Fragen des Gesetzes reden hörte, und aus der inneren Belehrung her die rechte Antwort fand, so daß die spätere Legende, die den Knaben zu Jerusalem im Tempel unter Schriftgelehrten lehrend zeigt, im Grunde doch auf wirklichem Geschehen baut, wenn auch die Tempelpriester zu Jerusalem gewiß nicht diese ersten Hörer seiner Weisheit waren. –

Die erste Begegnung mit einem der «Leuchtenden des Urlichts», deren hoher Bruder er später werden sollte, da er der Artung nach zu ihrem Kreis gehörte längst bevor er durch das irdische Auge das Licht der Erdensonne sah, ward ihm in seinen späteren Jünglingsjahren schon zu Capernaum, wo er zu jener Zeit in wochenlanger Arbeit bei Verwandten seines Vaters lebte und einen Auftrag seines Vaters auszuführen hatte.
Noch wußte er vorerst nicht, wer jener war, der da in abendlicher Feierstunde ihm am See begegnet war; den er dann oftmals wieder an der gleichen Stelle traf, und der ihm mehr und mehr das Herz zu öffnen und den Blick ins Innerste des Seins zu hellen wußte.
Bald aber mehrten sich Begegnungen von gleicher Art, so daß es ihm kaum noch absonderlich erschien, von diesen, offenbar dem gleichen Kreise Zugehörenden, so aufschlußreiche Lehre zu empfangen; nur hielt er alles sehr geheim, da es ihm also aufgetragen worden war.
So hatte er mehrere Jahre zugebracht im steten Wachsen seiner inneren Erkenntnis, als einer der Männer, die er nun wie alte Freunde kannte wenn er auch in Ehrfurcht sich vor ihnen neigte, ihm einst die Eröffnung machte: es sei nun für ihn an der Zeit, eine geregelte Schulung zu beginnen, obwohl er dadurch keineswegs von seiner Hände Arbeit abgehalten werde.
Als Zweck der Schulung wurde ihm bezeichnet, daß er durch sie befähigt werden solle, nicht nur selbst die Weisheit des Gesetzes bis ins Letzte zu erkennen, sondern daß er Anderen auch alsdann die gleiche Weisheit zeigen könne, damit die Vielen, die nach einer Seelenspeise in den Schriften suchten, nicht nur der Schriftgelehrten dürre Auslegung erhielten, die ähnlich sei, als wenn ein Hungernder nach Brot verlange und man reiche ihm einen Stein (Matthäus 7:9).
Von da an stand er nun bewußt unter kontinuierlicher geistiger Leitung derer, zu denen er dem Wesen nach gehörte.
Sein Tagwerk konnte ihn nicht hindern diese Schulung durchzuführen und jede Prüfung zu bestehen, die sie von ihm forderte.
Sobald er zu straucheln begann, oder angstvolle Zweifel ihn bedrohten, trat einer seiner Lehrer unvermerkt stets wieder ihm zur Seite, stärkte seinen Glauben und verscheuchte die Dämonenwelt, die vordem ihn in Schrecken setzen wollte.

In Jahrelanger Geistesschulung war er endlich so herangereift, daß ihm die letzten Schuppen von den Augen fielen und er selbst sich nun in seiner hohen Sendung sah.
In klarer Sternennacht, auf einer Felsenhöhe, nahe seinem Wohnort, erhielt er seine Weihe als ein Meister der Lichterkenntnis, als ein Liebender im Lichte, als ein Leuchtender unter Leuchtenden…
Nun wußte er sich selbst als «Weg» – nun wußte er sich selbst als «Wahrheit», – nun wußte er sich selbst als «Leben» aus der Sonne aller Sonnen, aus dem Lichte, das die Ewigkeit erhellt. – (Johannes 14:6)

Aus: Die Weisheit des Johannes pdf Seiten: 31-39