GESPRÄCH AN DER PFORTE

HORTUS CONCLUSUS

Gespräch an der Pforte
Von der Einfachheit in allem Ewigen
Vom Wechsel des Standortes und von den „Stufen”
Über Bewußtseinslagen und Leidhilfe
Vom Bewußtsein der Abgeschiedenen
Vom hohen Einsatz des Helfenden
Vom Spottbild des ewigen „Ich”
Nochmals über Wahrheit und Wirklichkeit
Von zeitlichem und ewigem Raum
Von asiatischem Religionsgut
Vom Mysterium des Morgenlandes
Über die Religionsformen
Über Zustimmung und Glaube
Von irrtümlichen Gottesbildern
Vom Sinn aller Belehrung
Wo ich nur Überbringer bin
Wem ich nichts zu sagen habe
Vom ewigen Seelenheil
Von der verzögernden Fragelust
Von zeitlicher und ewiger Seele
Was nach dem Tode bleibt
Von einem Namen und einem Notbehelf
Was man selber folgern sollte
Von arger Unterschätzung
Über die Zwangslage der Seelsorgerschaft
Wie Ewiges sich selbst „natürlich” ist
Zum Abschluß und Abschied

 

GESPRÄCH AN DER PFORTE

 

Dem nur auf seine gehirnlich bedingte Beobachtung und seine gedanklichen Schlüsse angewiesenen Menschen dieser Erde bleibt fast alles, was an ihm „ewig” ist — also keiner wie immer vorgestellten Beendigung oder Auflösung anheimfallen kann — wahrhaftig ein „Hortus conclusus”: — ein Umschlossener Garten! Das Vorhandensein eines solchen, den physischen Sinnen wie allem Denken unzugänglichen Bereiches wird zwar zuweilen geahnt, zuweilen gefühlt, und innerhalb großer Menschengruppen geglaubt, aber der Ahnende, Erfühlende, oder Glaubende bleibt außerhalb der Mauer, die den ihm verschlossenen Garten des Bewußtseins eigener Ewigkeit: — das „verlorene Paradies” — von den Gebieten erdenhafter Erkenntnismöglichkeiten abgrenzt. Von Einzelnen, die sich mit allem, was sie ahnen, erfühlen und glauben, noch nicht zufriedengestellt sehen, wird die trennende unübersteigbare Mauer unermüdlich umwandert und abgetastet, um vielleicht doch eine verborgene Lücke zu finden, die man erweitern und durch die man sich dann hindurchzwängen könnte. Die glücklichsten unter diesen Suchern gelangen zu ihrer eigenen Überraschung wirklich an die einzige und nur schwer findbare enge Pforte, die den Zugang zu dem „Umschlossenen Garten” bilden könnte, wenn man sie nur zu öffnen wüßte. Statt aber geduldig und vertrauend zu warten, ob nicht etwa von innen her eines Tages geöffnet werde, suchen fast alle, die das Glück hatten, diese Pforte zu entdecken, bei schlauen Schlossern die wunderlichsten Nachschlüssel aufzutreiben und vertun ihre irdische Lebenszeit mit immer neuen und immer wieder erfolglosen Versuchen, das nur vom Innern des „Umschlossenen Gartens” her zu öffnende Schloß von außen aufzubrechen. Vergebliche Mühe und verhängnisvolle Selbsttäuschung!
Nur einer, der selbst des Ewigen bewußt, in dem aller irdischen Zudringlichkeit unerbittlich verschlossenen Garten aus eigener Geistnatur heimisch ist, vermag die geheimnisvolle Pforte von innen her zu öffnen, die jedoch, auch wenn sie so geöffnet wurde, keinen einläßt, der nicht (alle Belastung mit den Ergebnissen gedanklicher Spekulation, und alle Verkleidung in die er sich bisher gehüllt hatte, von sich wirft, um nackt und bloß, wie er aus seiner Mutter Leibe hervorging, einzutreten.
Meine ganze Lebensarbeit ist ein von innen her erfolgendes, immer wieder erneutes Öffnen der Pforte, von der aus ich dann auf mannigfachen Wegen, alle, die nichts anderes mit sich nehmen wollen, als was an ihnen ewigem Leben zugehört, zu den von mir auferbauten Lehrtempeln und von mir gesetzten, mit Worten ewig gültiger Lehre beschrifteten Bildsäulen führe.
Jede Belehrung, die von mir meinen Mitmenschen gegeben wurde, ist umschlossen von der Mauer dieses „Hortus conclusus”, so daß ich mit Fug und Recht mein gesamtes Lehrwerk unter diesem, mich selbst mit ihm zusammenfassenden Namen hinterlassen kann, der mir aus guten Gründen angemessen erscheint, um das hier vorliegende Abschlußwerk symbolisch zu bezeichnen. Auch dieses Buch macht Antworten, die im Laufe der Jahrzehnte Einzelnen privatim durch mich zuteil wurden, nun Vielen zugänglich, und soll ebenso wie das Buch der „Briefe an Einen und Viele” den meinen Lehren Zugeführten und Vertrauenden die Augen dafür öffnen, daß die Bücher- und Schriftenreihe, in der zu finden ist, was ich aus dem Ewigen her zu geben habe, als ein Ganzes betrachtet werden muß, das im Ewigen gründet und nur zugänglich werden kann, wenn die Bedingungen erfüllt werden, die das Ewige fordert. Ich habe oft genug von diesen Bedingungen gesprochen und sie in den hier vorangehenden Zeilen aufs neue charakterisiert.

 
Book 32 Coversation at te gate

 

Die Stätten im Innern des aller Neugier immerdar verschlossenen Gartens, zu denen ich die Berufenen nunmehr noch durch dieses vorliegende Buch zu führen trachte, geben mancherlei orientierende Ausblicke aus seinen heiligen Hainen, von denen her die Baugliederung der von mir errichteten Lehrtempel in klarster Perspektive erkennbar wird. Auch manche, bisher in ihrem unbeabsichtigten Versteck noch nicht entdeckte Schrifttafel und beschriftete Säule wird dem aufmerkenden Auge nicht mehr entgehen.

 

Ich weiß wahrhaftig, wie befremdlich die in meinen Schriften dargebotene Lehre den allermeisten meiner Mitmenschen erscheinen muß, und ich verstehe nur zu gut, daß der im Ewigen erfahrungsfremde Mensch dieser Tage fürs erste noch außerstande ist, in sein ihm anerzogenes Begriffsbildungsvermögen im richtigen Sinne aufzunehmen, was ich ihm leider auch über mich selber zu sagen genötigt bin, will ich ihn nicht vor Lücken stehenlassen, die er aus eigener Erkenntnis nicht ausfüllen kann. Nicht minder weiß ich Bescheid um die vielerlei Formen der psychologisch maskierten Verdächtigungen, die verantwortungslose Voreiligkeit für alles, was ihr unerklärlich erscheint, bereithält, als bequemste Verbergung ihrer eigenen Urteilsohnmacht. Angesichts der Unzahl gedanklich spekulativer Erörterungen über das Ewige, ist es mir auch durchaus begreiflich, wenn man keinem seiner Mitmenschen das Vermögen zutrauen mag, daß er selbst imstande sei, vor jeder Selbsttäuschung gesichert, sich im unanzweifelbar Ewigen wach zu erleben.
Alles richtige Verstehen erschwerend wirken außerdem viele primitive religiöse Vorstellungen, die nicht nur in hochaus gereifte Religionen übernommen wurden, sondern sich merkwürdigerweise von theologischen Begriffsbezirken her mit unkrautartiger Zähigkeit auch in Gehirnen festzuhalten wissen, deren Eigner sich als hoch über jedem Dogmatismus erhaben dünken. Nicht geringer sind die gedanklichen Hindernisse, die, wie fäulnisgenährte gigantische Schlingpflanzen in tropischen Urwäldern, im Bereiche der philosophischen Systeme alles Erkennen des wirklichen Ewigen unmöglich machen.
Es ist unter diesen hier nur summarisch angedeuteten Umständen eine recht peinvolle Aufgabe, als Mensch unter Menschen davon zu künden, daß man — neben einigen wenigen, in strengster Verborgenheit verharrenden Mitmenschen außereuropäischer Kulturkreise — selbst Exponent des Ewigen im Bereiche der Erdenmenschheit ist, und dazu noch aus dem Ewigen her unabweisbar bestimmt, als einziger Übersetzer in erdenmenschliche Sprache zu übertragen, was nur in wortelosem Erleben erkundbar wird. — Man muß in sich wahrhaftig jede Form versteckten oder offenen erdenmenschlichen Geltungstriebes verlachen gelernt haben, soll man in seinem irdischen zeitbegrenzten Dasein nicht an der Erfüllungsmöglichkeit der Aufgabe verzweifeln! Nur unbegrenzte Liebe zu allem ewig Liebenswerten, das man in jedem seiner Mitmenschen gegeben sieht, auch wenn es den meisten kaum bewußt wird, erzeugt die Kraft, sich selber immer wieder aus dem Ewigen her zu eröffnen, trotzdem man weiß, daß man dennoch den allermeisten seiner Mitmenschen ein ,,Hortus conclusus” bleibt.