WEM ICH NICHTS ZU SAGEN HABE

HORTUS CONCLUSUS

Gespräch an der Pforte
Von der Einfachheit in allem Ewigen
Vom Wechsel des Standortes und von den „Stufen”
Über Bewußtseinslagen und Leidhilfe
Vom Bewußtsein der Abgeschiedenen
Vom hohen Einsatz des Helfenden
Vom Spottbild des ewigen „Ich”
Nochmals über Wahrheit und Wirklichkeit
Von zeitlichem und ewigem Raum
Von asiatischem Religionsgut
Vom Mysterium des Morgenlandes
Über die Religionsformen
Über Zustimmung und Glaube
Von irrtümlichen Gottesbildern
Vom Sinn aller Belehrung
Wo ich nur Überbringer bin
Wem ich nichts zu sagen habe
Vom ewigen Seelenheil
Von der verzögernden Fragelust
Von zeitlicher und ewiger Seele
Was nach dem Tode bleibt
Von einem Namen und einem Notbehelf
Was man selber folgern sollte
Von arger Unterschätzung
Über die Zwangslage der Seelsorgerschaft
Wie Ewiges sich selbst „natürlich” ist
Zum Abschluß und Abschied

 

WEM ICH NICHTS ZU SAGEN HABE

 

Alles, was ich zu sagen kam, ist nur gesagt worden, um die, denen es gilt, zu ihrem bewußten Erwachen im ewigen Lichte des Geistes zu rufen, der ihr substantieller Lebensurgrund ist und daher einzige Gewähr des Lebens in der Dauer. Ich will jedoch nicht jene wecken, denen der Schlaf noch nötig ist. Ihnen habe ich nichts zu sagen, und was sie dennoch hören, wenn ich zu den Meinen spreche, das bleibt ihnen nur wie Klang und Sang, den das Ohr eines Schlafenden aufnimmt ohne des Gehörten Sinn zu fassen. Noch träumen sie mit offenen Augen, und ihrer Träume Welt ist ihre einzige bewußte „Wirklichkeit”. Man muß die Traumbetörten weiterschlafen lassen bis sie selbst einmal des Schlafens müde werden, — sei es noch in dieser Erdenzeit oder erst nachdem die Hilfe, die der Erdenkörper ihnen darbot, unerreichbar für sie wurde. „Die Nacht, da niemand wirken kann” ist „Nacht” nur dem, der seines Erdenkörpers Geisteshilfe nicht zu nützen strebte, und nur von Seinesgleichen ist gesagt, daß „niemand” in dunkler Nacht zu „wirken” wisse. Es ist nicht gerade leicht, seine Träume am hellichten Tage zu durchschauen und zu gewahren, daß die geträumte Wirklichkeit nur „Wirklichkeit” ist für den Traum, der in ihr spielt. Es ist aber unsagbar viel leichter, zu dieser Einsicht zu kommen, solange der Erdenkörper noch der Empfindung des Ewigen irdische Resonanz darzubieten vermag, als nach dem körperlichen Tode, der solche Möglichkeit definitiv entzieht.
Die man weiterträumen lassen muß, da sie noch lange nicht des Schlafens müde wurden, ahnen natürlich nichts von diesen Dingen, und wollen nichts erahnen, was sie erwecken könnte. Sie fühlen sich zu wohl in ihrem Träumen, das sie ihr „waches Denken” nennen, als daß sie auch nur den leisesten Drang in sich zu fühlen fähig wären, ihren Zustand mit einem anderen zu vertauschen. Im Glauben, ihrem gehirnlichen Denken müsse sich jedes Dunkel auflichten, vermuten sie überall Irrtum und Täuschung, wo ihrem erträumten Erkennen die Aufhellung unmöglich ist, weil nur die erwachte Empfindungsfähigkeit der Seele das substantielle Licht des ewigen Geistes zu erfassen vermag. Und keiner der in ihren Träumen so Selbstgewissen wird gewahr, wie wertvoll ihm sein Erdenkörper werden könnte, wenn er ihn zu nützen wüßte als zeitlich gegebenen Empfindungs-Verstärker, durch den es der Seele unsagbar erleichtert wird, das hauchzart im Geiste Empfundene an das Gehirnbewußtsein heranzubringen.
Allen diesen, ihrer Sache so Sicheren habe ich nichts zu sagen, und was ich sage, ist nicht für sie gesagt. Erst wenn ihre große Sicherheit eines Tages ihnen selbst verdächtig wurde, werden sie zu mir finden können, und dann erst werde ich auch ihnen „etwas zu sagen” haben.
Niemals aber habe ich denen etwas zu sagen, die — wie Wühlmäuse die Wurzeln — alle Geheimnisse annagen, deren Innewerden ihnen nicht zubestimmt ist. Sie sind nicht minder bei offenen Augen im Traum, wie die anderen, aber ihr Träumen ist Auskosten unsauberer Gier und verstohlener Sucht nach Macht über Mächte, die ihnen wohlweislich unerreichbar überordnet sind. Mögen solche Freibeutergehirne auch alles was ich anderen zu sagen habe, in ahnungsloser Überheblichkeit auf sich beziehen, so kann es ihnen doch niemals zu eigen werden, denn was ich zu sagen habe, will empfunden werden, — die beflissen nach verborgener Macht Begierigen aber wollen hinterlistig hinter die Dinge kommen, von denen ich anderen zu sagen habe, daß man ihrer nur innezuwerden vermag.
Wer wirklich zu denen gehören will, denen ich etwas zu sagen habe, der muß weit den Wahn von sich werfen, als ob ich ihm ein „Wissen” bringen wolle», das er zu seinem vorhandenen irdischen Wissen hinzutun könne und somit für sich gewonnen habe. Erst dann faßt er das, was ich zu sagen habe, wenn er in jedem Wort nur meinen Willen erfühlt, die Empfindungsfähigkeit seiner Seele zu wecken, und dann erst werden ihm meine Worte auch wirklich „etwas zu sagen haben”! Alles, was ich sage, will empfunden werden und ist nicht in der Absicht gegeben, dem Scharfsinn des Empfangenden eine Aufgabe darzubieten zur Übung seiner gedanklichen Zergliederungskunst.
So habe ich denn auch allen denen nichts zu sagen, die eifrig das bei mir Gehörte anderem irgendwo Vernommenen anzubequemen suchen, denn was ich gebe, wird sofort verfälscht, wenn man meine Worte derart deutet, als wollten sie irgendeinem philosophischen oder bekenntnishaften Denksystem Eideshelferdienste leisten. Was ich sage, ist Bezeugung ewiger Geisteswirklichkeit und nur aus ihrer Selbstempfindung zu Wort geworden! Was ich gebe, gleicht gut aufgenommenen Landkarten, die den Reisenden vor dem Verirren schützen. Wer aber das Land selbst wahrnehmen will, dem nützt es nichts, um die Wege zu „wissen”. Nur, wenn er sie selbst beschreitet, wird ihm empfindungsnahe kommen, was vorher ihm verborgen war!