DIE ZWEI WEGE

DAS HOHE ZIEL

Der Ruf des Geistes.
Die zwei Wege.
Vom Suchen und Finden.
Vom ewigen Lichte.
Von des Lichtes Farben.
Vom hohen Ziele.
Von den Wegen der Alten.
Vom Segen der Arbeit.
Von der Macht der Liebe.
Der Meister von Nazareth.

 



DIE ZWEI WEGE

 

Mehr als jemals ist es in heutigen Tagen an der Zeit, stets erneut darauf hinzuweisen, daß nicht alles «Geheimnisvolle», von dem wir umgeben sind, zu jenem letzten und heiligsten Geheimnis führt, das allein der Seele Erlösung bringen kann.
Ja, es mag vielleicht nötig sein, auch Verwahrung einzulegen gegen ein allzu leicht «fertiges» Lesen solcher Warnung, denn die Verwirrung mancher Gehirne ist derart ins Groteske ausgeartet, daß sie die schärfste Ablehnung ihres Wahns in exaltierter Verblendung nicht mehr erkennen und das Wort des Warners vor sich selbst in eitel Zustimmung fälschen.

Seit gar vielen Jahren schon, – jahrzehntelang bereits, und längst vor dem Ausbruch des Völkermordens*, dessen fluchgesättigte Atmosphäre noch immer wie eine branstige Wolke der Blutschuld über allem Erdgeschehen lastet – ward eine ihres Wissens und ihrer Aufklärung stolze Menschheit die Beute verderblichster Durchseuchung ihres geistigen Erkennens, so daß heute jede verborgene Wahrheit ihr Satyrspiel findet.
Es ist wahrlich nicht zum Verwundern, wenn die Suchenden auf irre Wege gelangten!


Zu allen Zeiten übte das phosphoreszierende Flimmerlicht der geheimnisumwitterten Grenzgebiete menschlichen Erkennens seinen Zauber aus auf empfängliche Gemüter, aber gar selten nur sah die Erde einen solchen Mangel an Sicherheit des Fühlens. –
Wie die Motte zur Flamme, so drängt es den Unerfahrenen, der ohne Warnung bleibt, diesem erregenden Aufflackern aus unbekannten Regionen entgegenzueilen, aber – es droht ihm dabei auch die gleiche Gefahr und der gleiche Untergang...
Aus allen modrigen Kellerwinkeln und Gerümpelkammern flattert die Verführung auf!
Genarrtes Halbwissen, halbgebildete Narrheit und bewußter Betrug suchen allenthalben neue Scharen heranzulocken und wissen gar manchen zu umgaukeln, den man wahrlich nicht in solcher Gefolgschaft vermuten möchte. – –
Aber alledem liegt ein tiefes Sehnen zugrunde, das durch alles Wissen dieser Zeit nicht zu stillen ist und so abwegig wird, da ihm versagt bleibt, selbst den rechten Weg zu finden, den ein erkenntnisstolzer Übereifer derart zu verbauen wußte, daß nur nachtschwarze Wände dort noch entgegengähnen, wo einst in früher Vorzeit die Freiheit erreichbar war.


Tief im Menschen verankert ist die Erahnung einer Überwelt, in der er die Lösung seines Daseinsrätsels zu finden hofft. Es ist dies Erahnen nichts anderes, als die schwache Rückerinnerung an seines Geistes Zustand vor dem «Fall» in erdenhafte Bindung!
Nun sucht er zurückzuerlangen, was er einst verlor, und wird in solchem Suchen allzuleicht nur ein Opfer dunkler Gewalten, die er nicht sieht, auch wenn sie ihn schon längst gezwungen haben ihrem Ruf zu folgen, bis er dann zu spät erst bemerkt, daß ihm die schwälende Glut abgründiger Tiefen der Vernichtung für den irdischen Widerschein des wahren, lebenspendenden Lichtes galt, dem er ureigentlich entgegenstreben wollte...


Wer immer in sich dieses Drängen nach der Lösung aller Daseinsrätsel erlebt, der bleibe sich darum wohlbewußt, daß es für ihn – zwei Wege gibt und daß es allein von seiner Besonnenheit abhängt, ob er den rechten einschlagen wird, der ihn zu seinem wahren Ziele führt, oder ob er in trunkenem Taumel der gleißenden Straße der Betörung sich vertraut.– – – – – – – – – – – – – –
Der eine dieser beiden Wege, die sich vor ihm zeigen, wird ihn zu Licht und Erleuchtung und schließlich in das Reich des reinen Geistes führen, während der andere, auf den ihn verlockend schillernde Gespenster zerren, die ihm Geistesmacht und Zauberkraft verheißen, unfehlbar ins Verderben leitet, – wenn nicht noch aus hoher Gnade Rettung kommt, und er zu rechter Zeit erkennt, daß er einem Truglicht traute, das nichts anderes mit dem reinen, goldweißen Lichte der Gottheit gemeinsam hat, als den Reiz der Verborgenheit vor Erdensinnen.
Aber wahrlich: nicht alles Verborgene ist wert, daß man danach forsche! –
Obwohl die Sterne sich auch in Tümpeln spiegeln, wird man doch nicht den Morast durchwühlen, um ihr Geheimnis zu ergründen!


So wird es den ernstlich Strebenden, der nach dem wesenhaften Lichte des reinen Geistes hohes Verlangen trägt, gewiß auch nicht gelüsten, äußeres Erdenschicksal voraus zu erkunden, auch wenn er mit Vorteil sich einer Berechnung bedienen kann und mag, die ihm, gleich anderer, irdischer Berechnung, die Strömungen aufzeigt, durch die sein Tun und Lassen beeinflußt wird, so lange er in den Banden erdenhaft kosmischer Kräfte lebt und wirkt.
Hier mag er weise fördern lernen, was ihn selber fördert, und dem wehren, was ihn hindern kann!
Er wird aber schwerlich dabei dem Irrwahn erliegen, als ob ihm ein Schicksal vorgezeichnet sei, dem er nicht entrinnen könne, sondern den Ablaufsrhythmus seines Schicksals sich nur zu enträtseln suchen, um dann an Hand seines Wissens ihn also auszunützen, daß vermieden wird, was zu vermeiden ist, und herbeigeführt, was wünschbar scheint. –
Sagt doch schon der wunderlich verschnörkelter Weisheit frohe Paracelsus – als einer, der es wirklich wissen konnte – das vielbedeutsame, großes Erkennen wahrlich bezeugende Wort:

«Die Gestirne gewaltigen gar nichts; sie sind frei für sich selbst, wie wir frei für uns selber
sind. – » Und weiter:
«Das Kind bedarf keines Gestirns und keines Planeten; seine Mutter ist sein Planet und sein Stern!» –


Das soll nun gewiß nicht so verstanden werden, als sei all jener Einfluß irdisch-kosmischer Kräfte, den man «Sternen» zuschrieb, da man nur an ihrem scheinbaren Laufe ihn zu bestimmen wußte, überhaupt nicht vorhanden, sondern will nur heißen, daß trotz allem die Freiheit, diesen Einfluß folgerichtig zu gebrauchen, ganz in uns selber, in der eigenen Willenszucht begründet liegt, so daß auch hier die Berechnung der Möglichkeiten nur dann zum Segen gereicht, wenn sie der Selbsterziehung dient und uns veranlaßt, alle Kräfte aufzubieten, unser Dasein frei zu machen von der Furcht vor wechselnden Gezeiten unsichtbarer Ströme, die zwar alles Erdenhafte stets durchfluten, jedoch gebrochen werden an den diamantenen Dämmen, die des Geistes unbesiegbare Macht um den Vertrauenden erbaut, der durch die Tat darum zu bitten weiß...
Ein solcher wird auch niemals sich Orakelsprüchen beugen, die ihm der Zukunft wandelbares Bild als unabänderliches Fatum zeigen wollen; ja er wird sicherlich nach solcher Kunde kein Verlangen tragen. Noch weniger aber wird er es dulden, daß man, um der Erkenntnis willen, Menschen zu Werkzeugen abgründiger Kräfte werden läßt und sie so allmählich dann der Macht beraubt, ihrem Erdenkörper zu gebieten.
Niemals wird er andere aus ihres Willens Herrschaft lösen wollen, um ihnen seinen Willen aufzuzwingen. –
In allem seinem Tun und Lassen dient er nur der Freiheit, die allein des Geistes Kinder kennen!


Jedwede Erscheinung äußerer Natur, jedwedes Geschehnis dieses Erdenlebens läßt sich zum Guten wie zum Schlechten beugen, und daß man diese Fähigkeit in rechter Weise stets zu nützen wisse: dazu dient alle Lehre der Berufenen. –
«Nicht wer zu mir sagt: Herr, Herr, wird in das Reich der Himmel finden, sondern wer dessen Willen in seinem eigenen Wollen wirken läßt, der mich, als mein „Vater”, aus sich zeugte!
» So sprach etwa vor Zeiten einer, der da lehren durfte, weil er in geistigem Erleben wußte, wovon er sprach, und der wahrlich von sich sagen konnte:
«Nicht aus mir selber lehre ich, sondern wie mir der ,Vater’ gebot, also lehre ich euch!»
Die Weisheit dieses «großen Liebenden» aber wurde irdisch-allzuirdisch umgeformt, ehe sie das heutige Geschlecht erreichte, dem sie in ihrer Reinheit kaum mehr erkennbar ist.
Seine Lehre wollte nichts anderes bewirken, als daß der Mensch der Erde sein Leben nützen lerne: zum Heile durch die Tat. – –
Alles bloße Wissen aber um die so sehr verschiedenwertigen Dinge, die da jenseits der Erdensinne liegen, schafft nur sterile Schein- Erkenntnis, – macht keinen frei von irdischer Gebundenheit! – Einzig die tatgebärende, nüchterne Folgerung, die aus wahrer Ein-Sicht sprießt, kann das Erlösungswunder wirken, wenn sie in Tat und Wirken umzusetzen weiß, was sich der Seele offenbarte; und was man je in Worten lehren mag, wird immer nur dann erst Wert gewinnen, wenn solche Lehre zum Erlebnis führt. –
Wohl denen, die auf solche Weise zum Erleben ihres Inneren gelangen und dann im Innersten des Innern in sich selbst des rechten Weges Ziel erreichen!

 

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