NEUNTER BRIEF

BRIEFE AN EINEN UND VIELE

Vorbemerkung
Die Briefe
1 Vom Besitztum der Seele
2 Von unnötiger Angstung
3 Vom verlangten Vertrauen
4 Über meine Schreibweise
5 Von meinem Selbstbekennen
6 Womit man zu Ende sein muß
7 Vom Tempel der Ewigkeit
8 Über meine Geistnatur
9 Wie geistige Hilfe bewirkt wird
10 Wie Gott fern ist vom Weltgeschehen
11 Wie Gott Einzelnen dennoch hilft
12 Von den Seelenkräften
13 Über Neudrucke meiner Bücher
14 Von Polytheismus und Heiligenkult
15 Von der Weise des Lebens im Licht
16 Über die Milde wahrer Erweckung
17 Von Mystikern und Böhme
18 Von dem was Gott ist
19 Von Wesenheit und Wesen
20 Was ich nicht erfragt sein will
21 Von der Zwölfzahl und der Turmuhr
22 Von den Schuppen vor den Augen
23 Wie alle ungleich sind vor Gott
24 Vom Bekennen vor den Menschen
25 Von gefallenen Meistern
26 Von strahlenden Steinen und Stoffen
27 Vom Entwerten des Leides
28 Vom Segnen und vom Segen
29 Von der Zeitfremdnis des Ewigen
30 Von Hingabe und Wortverzicht
Schlußwort

Die Vorbemerkung und das Schlußwort gehören
organisch zu diesem Buche und wollen nicht als
Nebensache betrachtet werden!


NEUNTER BRIEF

 

Was ich Ihnen zuletzt schrieb und durch Fügungen in rhythmischer Ordnung am besten ausgedrückt sah, hat gewiß nach keiner Antwort verlangt, und dennoch freuen mich Ihre so aus tiefster Seele kommenden lieben Zeilen, weil sie mir zeigen, daß auch diesmal wieder alles ganz in dem Sinne aufgenommen wurde, in dem ich es gegeben hatte.
Kaum hätte ich freilich bei der Absendung vermutet, von Ihnen zu vernehmen, was Sie mir jetzt zu schreiben haben.
Ich bitte Sie, sich mit der Antwort begnügen zu wollen, daß Ihnen solche Einsicht und Erkenntnis „wahrlich nicht Fleisch und Blut gegeben” hat, sondern Ihr eigenes Ewiges, aus dem allein die Wahrheit über die Wirklichkeit, in der es selbst lebendig ist, erlangt werden kann. Die Erkenntnisse des Blutes — was besagen will: des an tierhaft enge Bedingtheiten gebundenen, erdmenschlichen Fühlens und gehirnlichen Erdenkens — verhalten sich zu dem, was nur das eigene Ewige zu geben vermag, wie sich etwa das „Leben” eines hartstarren Steines im nächstbesten Bachbett zu den höchsten uns bekannten Lebensäußerungen verhält. Nur aus dem Ewigen kann Erkenntnis des Ewigen dem Menschen zukommen! —
Aber nun will ich diese Gelegenheit des Schreibens an Sie zugleich dazu benutzen, Ihnen endlich noch die Aufschlüsse zu geben, die meine Antwort auf Ihre Bemerkungen zu dem Buchkapitel „Die Hütte Gottes bei den Menschen” schon hätte mitumfassen sollen, wenn mich damals nicht äußere Umstände gezwungen hätten, meinen Brief abzuschließen.
Zwei allgemein bekannte und vielgebrauchte Erfindungen hatten sich mir zum Vergleich geboten, als ich Ihnen Aufschluß gab über die Art und Weise, in der die „Verbindung” der Seelen auf Erden mit den Leuchtenden des Urlichtes zustande kommt.
Was hier noch zu sagen ist, habe ich zwar in einem der letzten Kapitel des Buches „vom lebendigen Gott” — ich meine hier den Lehrtext: „Im Osten wohnt das Licht” — so deutlich dargestellt, daß mir ein Falschdeuten der dort gegebenen Aufschlüsse nur durch überaus unaufmerksames Lesen halbwegs erklärbar erscheint. Da ich aber immer wieder Berichte erhielt, in denen mir im Tone aufgeregtesten Wichtignehmens von inneren Stimmen erzählt, und dabei angenommen wurde, es müsse sich um die „Stimme” eines leitenden „Meisters”, also eines Leuchtenden des Urlichtes handeln, so will ich Sie doch, der Vorsicht halber, um Ihnen zwecklose Beunruhigungen zu ersparen, recht eindringlich auf das aufmerksam machen, was ich in dem obengenannten Abschnitt, sowie in dem Hauptkapitel: „Der Weg” tatsächlich sage.
Es bedarf wirklich schon eines sehr groben Umdeutens meiner an diesen Stellen wie auch besonders noch in dem Buche „Auferstehung” gebrauchten Worte, um zu der allem Gesagten widersprechenden Auffassung zu kommen, als meinte ich etwa „innere Stimmen” wie sie nervenerregte Ekstatiker, oder auch nur durch eigene, vorstellungsmäßige Selbstübersteigerung aufgepeitschte Geltungsbedürftige, ahnungslos durch entweder zeitweilige, an bestimmte äußere Einflüsse geknüpfte, oder aber dauernde Spaltung ihrer Persönlichkeit sich erzeugen.
Gerade vor solchen „Stimmen’” wird ja von mir mit jedem Worte gewarnt!
Ich darf doch wahrhaftig erwarten, daß man die als Bilder gebrauchten Worte: „Stimme” und ,,sprechen” nur in der Weise aufnimmt, wie sie gegeben sind und stets wieder und wieder erklärt werden! Deutlich genug sage ich doch, daß dieses „Sprechen” keinesfalls dem Gebrauch einer menschlichen Sprache verglichen werden darf, sondern ein inneres Klarwerden des vordem der Vorstellung Unklaren ist, hervorgerufen durch Influenzwirkung einer Entelechie, die selbst in reinster Klarheit ihres Erkennens lebt. Ich sage das auch mit anderen, sich aus der gehobenen Sprachform ergebenden Worten, aber schon der Umstand, daß ich die Worte, die man hier geflissentlich in einem geradezu entgegengesetzten Sinn für sich in Anspruch nehmen zu dürfen glaubt, meistens hinweisend in Anführungszeichen setze, dürfte doch jedem Vernünftigen klar genug zeigen, daß ich sie in distanzierender Weise betont wissen will. Wörtlich aber sage ich ausdrücklich in dem Kapitel „Im Osten wohnt das Licht”, daß „durch unmittelbares Erzeugen innerer Klarheit” im Innern des Suchenden „gesprochen” wird,— „ohne Worte der Sprache des Mundes.”… „Nicht in irgend einer Landessprache.” Das ist denn doch wohl eindeutig genug gesagt.
Wenn ich in dem Hauptkapitel „Der Weg” nebenher auch die Möglichkeit streife, die für den geistigen Lehrer unter gewissen, im zu Belehrenden verankerten Umständen bestellt: — sich dem Klärung Empfangenden in „magischem Bilde” zu zeigen, so geschieht das der Vollständigkeit halber, und ich lasse keinen Gedanken daran aufkommen, daß dieses „Bild” etwa der Meister selbst sein könne. Gleichzeitig sage ich deutlich, daß es durchaus keine Bevorzugung darstellt, wenn einer zu solcher Bildprojektion aus sich selbst hinaus veranlagt ist. Ich konnte nur die mir bekarmte Möglichkeit in einem Lehrbuch, das von geistigen Dingen handelt, nicht einfach unbesprochen lassen, auch wenn sie äußerst selten eintritt, und durch Nebenumstände bedingt ist, die kaum bei einem Europäer gegeben sind.
Das alles wird Sie selbst ja schwerlich als eigene Frage angehen, da Sie sehr genau auf jedes meiner Worte zu achten pflegen, wie ich längst weiß.
Es ist aber keineswegs unmöglich, daß Ihnen andere Leser meiner Bücher begegnen, die Ihnen geheimnisvoll von ihren ,,inneren Stimmen’’ erzählen, und diese, für alle, nicht systematisch zu geistiger Unterscheidungsfähigkeit Geschulten, — immer und unter allen Umständen — bedrohliche Erscheinung fälschlich in meinen Worten gutgeheißen glauben. Solchen Leuten gegenüber, die zumeist fanatische Sklaven ihrer eitlen Seele sind, und wie besessen von ihrem Glaubenstraum an ihre vermeintliche „hohe Führung”, müssen Sie unbedingt Ihrer Sache sicher sein. Anderenfalls werden Sie solchen Berichten Gewicht geben und gar womöglich sich einreden lassen, Sie seien noch nicht „soweit vorangeschritten”, wie Jene, — oder aber Ihre, wie Sie meinen, so „trockene und nüchterne Natur” sei wohl ein unüberwindliches Hindernis, — und was dergleichen Bedenklichkeiten selbstkritisch veranlagter und gegen sich selbst nicht allzu nachsichtiger Naturen mehr sind.
Damit Sie ganz klar sehen, sei hier nun aber auch noch auf ein Fehlverstehen hingewiesen, dem ich wirklich nicht zu begegnen fürchtete, bevor ich zu meinem Erstaunen gewahr werden mußte, wie weit es verbreitet ist. Man könnte versucht sein, anzunehmen, daß Rede in Bildern und Gleichnissen, wie sie die Natur geistiger Dinge nahelegt und oft genug geradezu verlangt, von heutigen Menschen, die an Zeitungsberichten sich sattzulesen gewohnt sind, überhaupt nicht mehr verstanden wird. Sonst wäre es doch nicht möglich, daß Begriffe, wie „geistige Nähe”, „hohe Hilfe” durch die dazu Verordneten, oder „geistige Leitung”, „geistiger Schutz” durch die dazu mächtigen hohen Helfer, so oft die doch etwas gar zu plumpe Deutung fänden, als sei damit gemeint, daß die Leuchtenden des Urlichts in einer unsichtbaren Gestalt sich in die irdisch örtliche Nähe eines Hilfs- oder Leitungsbedürftigen begeben müßten, um ihn ihre segenspendende geistige Nähe erfahren zu lassen.
Was mit den obigen und ähnlichen Worten meiner Schriften gemeint ist, spielt sich selbstverständlich in einer wesentlich anderen Weise ab. Das Verstehen hierfür sollte man aber bei denkfähigen Menschen wirklich als erfüllte Forderung der Logik voraussetzen dürfen, denn wie kann man sich denn in die Annahme verlieren, die so wenigen, zu geistiger Hilfeleistung im weitesten Sinne fähigen Männer auf dieser Erde, samt allen ihren rein geistigen, nicht im Erdentiereskörper lebenden Brüdern, seien im Verhältnis zu der Menschenzahl der Erde ausreichend, um sich jedem in unsichtbarer Körperlichkeit persönlich zu nähern, den sie ihrer Hilfe dargeboten sehen und der ihre Hilfe wirklich braucht?! Wäre es denn nicht auch ein geradezu entsetzlicher Zustand, allenthalben von einem Unsichtbaren beobachtet zu sein, gerade wenn und weil man in ihm den gütigsten Helfer auch unerbeten um sich wüßte? — Glücklicherweise aber gibt es nichts Wirkliches, das dem handfesten Glauben so mancher Leute ähnlich sähe, die sich derart wichtig nehmen, daß es ihnen als ausgemachte Tatsache erscheint, ihre kleinen und meistens so trivialen Alltags-Sorgen müßten im Geistigen allgemein bis ins Intimste bekannt und Gegenstand der Hilfeleistung sein.
Gegenstand der Hilfeleistung ist für die zur Hilfe Verordneten unter den Leuchtenden des Urlichts jederzeit nur auf das Geistige im Menschen bezogene Not, Schutzbedürftigkeit, oder Leitungsnotwendigkeit. Den Menschen, der in einer solchen geistigen Situation ist, daß er für ihre Hilfeleistung in Betracht kommt, finden sie mit Sicherheit, ohne auch nur das Mindeste von seinen irdischen Verhältnissen zu wissen, oder auch nur eine vage Vorstellung von seiner äußeren Gestalt und seinen Zügen zu haben. Es ist ein rein geistiger Vorgang, der ohne Unterlaß dieses absolut sichere Finden bewirkt.
Wenn ich schon in meinem damaligen Briefe vergleichsweise die Begriffe „Telephon” und ,,Radio” zu Hilfe nahm, so muß ich Sie heute — so sehr der Vergleich auch auf beiden PDF Seiten hinkt — doch nun darum bitten, sich jetzt ein Schaltbrett von immenser Größe vorzustellen, auf dem unermeßlicher Raum in fast mikroskopischer Verkleinerung in die Fläche projiziert ist. Stellen Sie sich weiter vor, jede auf Erden erscheinende Seele sei, während ihres Erdenlebens, auf dieser Fläche durch zwei in einem winzigen Punkt zutagetretende Platineleklroden repräsentiert und sobald die Seele geistige Leitung oder Hilfe nötig habe, sprühe ununterbrochen bis zur Abstellung ein heller Funke zwischen beiden Elektroden. Und nun gelte Ihnen der zur Hilfe oder zur Leitung verordnete Leuchtende des Urlichts in diesem Bilde wie ein Elektrotechniker, der zugleich eine Schalttafel mit einer Unzahl von Hebeln vor sich hat, und sofort weiß, welchen Strom er einschalten muß, weil ihm durch die Farbe der Funken und die Gehörseindrücke ihrer entweder relativ langsameren oder aber gesteigert schnellen Aufeinanderfolge genau kund wird, welcher Strom oder welche Stromkombination jeweils zur Hilfe, zum Schutz oder aber zur geistigen Leitung vonnöten ist. Alles Übrige aber geschähe — um hier im Bilde zu bleiben — „automatisch”.
Dieser Vergleich kann Ihnen dazu verhelfen, eine richtige Vorstellung zu gewinnen von der Art und Weise rein geistiger Hilfeleistung, geistiger Leitung, und geistiger „Nähe”!
Ich werde Ihnen nicht erst zu sagen brauchen, daß gewiß keine geistsubstantielle Apparatur dieser Art irgendwie und irgendwo besteht, sondern daß dieses hier skizzierte Bild vielmehr den gegebenen Zusammenhängen in der Struktur ewigen geistigen Lebens auf eine symbolische Weise Darstellung zu geben sucht.
Bleiben wir beim Bilde, so ist jedoch zu sagen, daß niemals der hier geschilderte Funke zwischen den Elektroden aufblitzen wird, wenn der durch das Elektrodenpaar repräsentierte Mensch nicht aus der Inbrunst seines Herzens Leitung, Schutz oder Hilfe aus der Region des wesenhaflen substantiellen Geistes erwartet oder verlangt, — und ebenso niemals, wenn er sich nicht selbst dazu bereitet hat, solcher Einwirkung ein brauchbarer Empfänger zu sein. —
Die Hilfe, wie die geistige Führung durch einen Leuchtenden im Urlicht, und somit durch unsere ewige Gemeinsamkeit, bezieht sich niemals auf Dinge, die zwischen Geburt und Grab ihre Erfüllung finden müssen, wenn sie sich gestaltet sehen sollen, sondern immer nur auf das Erwachen der Seele im geistigen ewigen Bereich, und die dadurch — möglichst schon während des Erdendaseins — zu erlangende Übertragung des individuellen irdisch-seelischen Bewußtseins in das eigene Ewige des Menschen. —
Damit sei heute dieser recht umfänglich geratene Brief aber denn doch nun abgeschlossen und Ihrem seelischen Aufnehmen besonders empfohlen!
Mein Segen, der Sie auf eben die Weise erreicht, die Ihnen in diesem Briefe gleichnishaft geschildert wurde, werde Ihnen zu wirksamster Erhellung Ihrer Einsicht in alles, was im Ewigen gründet!

book 31ninth letter