Gefahren der Mystik

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Weise Verteilung
Der Neunmalkluge
Die Überheblichen
Rat



Gefahren der Mystik

 

Dokumente aus allen Zeiten zeugen von gewissen Menschen, die behaupteten, daß ihnen Göttliches nicht nur dem religiösen Glauben nach gesichert in der Wahrheit gelte, sondern vielmehr von ihnen wissend erlebt und in erprobt untrüglichem Erleben wohlvertraut geworden sei.

Solche Behauptung gilt allen denen als Vermessenheit, die allzusicher auf das Axiom vertrauen, alle Menschen seien „gleich vor Gott”, was denn gemeinhin so gedeutet wird, als könne es keinerlei Erleben geben, das nicht einem wie dem anderen ohne weiteres zugänglich sei.

Aber es gibt Zeugnisse besonderer Menschen, die denn doch beweisen, daß die Reichweiten des Erlebens unter uns Erdbewohnern sehr verschieden sind, wie ja denn auch im Erleben der Außendinge schon die größte Verschiedenheit des Erleben-Könnens offenbar wird.
Ist es schon im äußeren Leben wichtig, welche Veranlagung ein Mensch von Geburt an besitzt und wie er seine Begabung auszubilden weiß, so tritt hinsichtlich des geistlich-seelischen Erlebens noch eine ganze Reihe anderer Umstände hinzu, die alle in günstiger Weise zusammenwirken müssen, wenn gesichertes Erleben im Unsichtbaren erreicht werden soll.

Die Fälle, in denen Menschen Geistiges mit restloser Klarheit und Sicherheit erlebten, sind äußerst selten, aber es wäre sehr töricht, sie um ihrer Seltenheit willen unbeachtet zu lassen oder gar fortleugnen zu wollen. Dies um so mehr, als es auch heute Menschen gibt, die in solcher Art erleben und mit wachester Urteilsfähigkeit um ihr Erleben wissen.

Dangers of mysticism

 

 

Man muß aber stets unterscheiden zwischen diesem eigentlichen Erleben und der Mitteilung des Erlebten, wie es der also Erlebende in Worten zu geben sucht.

In solcher Mitteilung strebt der Mensch mit aller Inbrunst, auszusagen, was sich doch niemals in Worten sagen läßt, und notgedrungen schafft er sich Bild und Gleichnis, um auch anderen Seelen erfaßbar zu machen, was ihm widerfahren ist.

Es zeigt sich in diesem Bestreben das innere Ahnen, daß das eigene Erleben irgendwie auch für alle anderen Menschen Gültigkeit und befruchtenden Wert haben müsse; zugleich aber weiß der Berichtende mit Sicherheit, daß dieses Erleben den meisten anderen nicht zugänglich ist, sodaß er sich verpflichtet fühlt, davon Kunde zu geben, selbst wenn es ihm schwer werden sollte, Bekenntnis abzulegen.

Man könnte, folgt man der Bild- und Gleichnis-Spur hierhergehöriger Bekenntnisse, gar leicht vermuten, daß es sich im Grunde stets um das gleiche innere Erleben handle, nur verschieden dargestellt, je nach der Darstellungsfähigkeit des Erlebenden und seiner ihm eigenen Bildwelt.

Sieht man aber näher zu, so ist es auch für den, der niemals von ähnlichen Erlebnissen erschüttert wurde, nicht allzu schwer, zu entdecken, daß es sich doch um Berichte sehr wesentlich verschiedenen Erlebens handelt, auch wenn oft die gebrauchten Darstellungsbilder dazu verleiten könnten, wesentlich gleichartige Erfahrungen vorauszusetzen.

Ja, man wird alsbald ersehen, daß es sich um ganze Gruppen völlig gesonderter Erlebnisse handelt, trotzdem in den gleichen oder sehr ähnlichen Worten berichtet werden mag. —

Das hat seinen Grund darin, daß alles mit physischen Sinnen nicht mehr faßbare Erleben durchaus nur vergleichsweise und andeutend ausdrückbar ist: — daß der Berichtende aber auch außerdem gerne die Bilder und Gleichnisse anderer aufgreift, um aus seiner Not des Nichtsagenkönnens herauszukommen.

Es handelt sich im Wesentlichsten um zwei große Gruppen Erlebender, und jede dieser Gruppen umfaßt wieder besondere Arten des individuellen Erleben-könnens.

Auf der einen PDF Seite stehen jene Menschen, die nur das Verborgene ihres eigenen Innern erleben, hier aber schon vermeinen, „das Göttliche” erlebt zu haben, da sie die Höhe und Tiefe, die Weite und Breite dessen, was die menschliche Seele umfaßt, nicht kennen, und nicht zu dem Glauben sich erheben wollen, das alles sei noch des Menschen Bereich.

Hier wird zumeist in Ekstasen und Visionen erlebt, immer aber in einem „anderen Zustand”, der vom normalen wachen Tagesbewußtsein sehr verschieden ist.

Auf der anderen PDF Seite stehen die wirklich im Geiste objektive geistige Wirklichkeit Erlebenden, die alle Ekstasen und Visionen instinktiv scheuen und nur ein Erleben gelten lassen, zu dem sie mit ungetrübten Außensinnen, stets ihrer selbst und ihrer äußeren Umwelt bewußt, gelangen können.

Diese Erlebenden sind weitaus seltener als die Ekstatiker und Visionäre, denn solches tagwache Geisteserleben fordert eine recht strenge innere Erziehung und Selbstkontrolle. Es setzt voraus, daß sich der Mensch ein durchaus gesundes, geordnetes Innenleben zu erringen wußte, daß er sich peinlichst aller schwärmerischen Gefühle und Ausdeutungen enthält, um nüchternen Sinnes, aber voller Ehrfurcht vor dem wesenhaften Geistigen, die wirkliche Erfahrung geistiger Wirklichkeit stets freizuhalten von allem Rankenwerk der Phantasie. —

Man kann nicht scharf genug zwischen diesen beiden Hauptgruppen unterscheiden, will man zu einem klaren Urteil gelangen bei der Betrachtung jener zahllosen Bekenntnisdokumente aus alter und neuer Zeit, die von wahrem oder vermeintlichem Erleben des Göttlichen Zeugnis zu geben suchen.

Es ist auch nicht allzu schwer, hier sichere Bürgschaft zu erhalten.

Während die Ekstatiker und Visionäre ihre Erlebnisse stets in einer Ausdeutung darstellen, die gewohnte Glaubensvorstellungen bestätigen sollen, auch wenn sie diese Vorstellungen allenfalls auszubauen oder zu vertiefen suchen, wird jeder, der das Erleben geistiger Wirklichkeit bezeugt, recht deutlich erkennen lassen, daß er frei wurde von den Fesseln bestimmter, zeitgegebener Vorstellungswelten.

Er wird zwar oft genug an solche zeitläufige Begriffe anknüpfen müssen, aber immer nur, um das bereits allen Bekannte als Verständigungsmittel zu benützen.

Er will die Meinung, die zu seiner Zeit und in seiner Umgebung in bezug auf geistige Dinge gerade Gültigkeit hat, durch den Gebrauch der bekannten Begriffe und Vorstellungsbilder keineswegs stützen, sondern, unbekümmert um irgendein dogmatisches Gebäude, kraft seiner ihm gewordenen Einsicht zeigen, welche Steine eines solchen Baues Bestand haben und welche nicht, — welche richtig behauen und welche verkehrt bearbeitet sind, denn es liegt ihm nicht daran, niederzureißen, wohl aber daran, daß der Bau auch der Wirklichkeit entspreche, die er aus geistiger Erfahrung kennt.

Viel Irrtum ist entstanden durch das kritiklose Vermischen von Bekenntnissen der hier aufgezeigten beiden Gruppen innerlich Schauender und Erlebender.

Mögen aber auch Zeugnisse der Ekstatiker und Visionäre zuweilen aller Bewunderung und selbst hoher Schätzung würdig sein, so bleiben sie doch immer mehr oder weniger zeitlich und subjektiv bedingte, dabei verschleierte und getrübte Aussagen über ein zwar nicht alltägliches, aber keineswegs täuschungsfreies Selbsterleben, vergleichbar dem der Dichter, aber ohne die ordnende Sichtung eines souveränen Künstlertums.

Demgemäß kann auch der Wert nachfühlender Aufnahme solcher Bekenntnisse nur in einer poetischen Anregung oder einer subjektiv gefärbten religiösen Stimmungserhebung bestehen.

Bei distanzierter Betrachtungsweise aber wird man nur vor bedeutungs- und beziehungsreichen Dokumenten menschlichen Irrens stehen, die erst als Forschungsmaterial ihren Wert erhalten, mögen sie uns an sich als menschlich rührend, als groß und gewaltig, als erschütternd, oder als groteske Narretei erscheinen.

Die bestaunte glaubensgenährte Mystik aller Zeiten und Völker wurzelt in solchem Humusboden subjektiven Irrtums und überwuchert allgemach jede Blüte echten mystischen Erkennens, sodaß es fast nicht mehr angängig ist, noch von „Mystik” zu reden, wenn man eben Anderes meint als dieses Schlingpflanzengewirre. —

Soll aber das Wort, das entwertet wurde, wieder zu einiger Bedeutung für das menschliche Erkennen kommen, so wird es nötig sein, sehr entschieden zwischen einer scheinbaren Mystik wie die hier aufgezeigte, und dem wirklichen mystischen Erleben, das ein waches Erleben des Menschengeistes im ewigen reinen Geiste ist, zu unterscheiden.

Das ist sehr wohl möglich, auch wenn man durchaus nicht gesonnen ist, gewissen sogenannten „mystischen” Bekenntnissen, die schon als Werke des Schrifttums alle Achtung verdienen, fortan seine gewohnte Ehrerbietung zu versagen.

Da es sich aber letztlich doch wohl darum handeln wird, zu einem tieferen, klareren und vor allem wahrhaftigeren Erfassen der Kosmologie geistiger Welt, als der uns vorbehaltenen ewigen Wirklichkeit, vorzudringen, so ist alles stimmungsmäßige Einfühlen in die durch Religionssysteme und den Glauben an ihre Dogmen bedingte „mystische” Bekenntnis-Literatur beinahe — wenn nicht durchgängig — eine Gefahr für den, der hier nicht zu sondern weiß, und nicht stark genug ist, auch liebgewordene Vorstellungen aufzulösen um der Wahrheit willen, die er nur dort finden kann, wo Menschen sich bekunden, die tagwach und nüchtern in die Welt des Geistes Einlaß fanden. — —

Es kann nicht verborgen bleiben, zu welcher Gruppe innerlich Erlebender ich mich selber rechne, denn in allen meinen Schriften habe ich stets mit allem Nachdruck betont, wie ferne ich aller Ekstase, allem Visionären stehe. — Wenn man mich dennoch als „Mystiker” rubrizieren möchte, ob aus Bequemlichkeit, oder aber weil ein anderes Wort zu fehlen scheint, so muß ich zum Wenigsten darauf dringen, daß man die Unterscheidung zwischen dogmatisch religiöser und kosmisch-geistiger Mystik sich zu eigen mache, deren Notwendigkeit ich hier nun genugsam dargelegt zu haben glaube.

Denen aber, die in den Schriften dogmatisch religiös gebundener „Mystiker” Bestätigungen für das aufzufinden suchen, was ihnen heute meine Lehre zu geben hat, rate ich sehr entschieden, sich die Mühe zu sparen.

Sie werden dort allenfalls gewisse Übereinstimmungen finden, weit mehr aber durch einen recht wesentlich verschiedenen, wenn nicht diametral entgegengesetzten Gebrauch der Worte und Bilder verwirrt werden.

Vor allem aber müssen sie sich klar darüber werden, daß ihr Bedürfnis, meine Worte anderweitig noch bestätigt zu finden, allein schon den striktesten Beweis liefert, daß sie von einem eigenen Verarbeiten dessen, was in meinen Schriften steht, noch himmelweit entfernt sind. —

Ein neuer geistiger Tag ist im Anbrechen, und keine, wenn auch historisch noch so fest verankerte Erdenmacht ist imstande, ihn zurückzuhalten, aber in dieser Generation werden ihn nur jene sehen, die, freien, nüchternen Sinnes ihm wachend entgegeneilen, und solche nur können meine Lehre verstehen! — —

Mir ist es ja wahrlich nicht darum zu tun, etwa „Anhänger” werben zu wollen, und ich bin jedem Leser meiner Schriften dankbar, wenn er so wenig wie möglich Notiz nimmt von ihrem Autor.

Es ist mir zur Lebensaufgabe geworden, in aller Verborgenheit das niederzuschreiben, was ich meinen Mitmenschen zu geben habe, und ich habe nichts anderes zu geben, als die Aufschlüsse über des Erdenmenschen Beziehung zum Reiche wesenhaften Geistes, wie sie in meinen Büchern zu finden sind.