Erscheinung und Erlebnis

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Erscheinung und Erlebnis

Der Grad der Wahrheitserkenntnis eines Menschen wird bestimmt durch seine Erlebnisse; durch die Intensität seines Erlebens, — nicht aber durch die Erscheinungen, die dieses Erleben auslösen.

So einfach und leicht begreiflich diese Tatsache auch ist, so wenig wird sie begriffen.

Man begegnet allerorten einer maßlosen Überschätzung des Phänomens, während die Erlebnisfähigkeit in den allermeisten Fällen derart verkümmert ist, daß es erst besonderer Sensationen, unerhörter äußerer Anregungen bedarf um sie vorübergehend noch zu erwecken.

Wer darf sich wundern, daß dann auch die so erzielten „Erlebnisse” der verminderten Fähigkeit zum Erlebenkönnen entsprechen?!

Was man „erlebt”, ist nur noch Schaum der Oberfläche, da die Fähigkeit fehlt, tiefer in die Erscheinung einzudringen, mag sie auch mit der Lanzette scheinbar bis ins Innerste zerlegt und unter dem Mikroskop bis zu den feinsten Fasern erforscht werden.

Auch wenn die physikalischen Bedingungen der Erscheinung genauestens nach exakter Forschungsmethode erkannt sind, bleibt dennoch ein letztes, auf solche Weise niemals Erkennbares: — die „Seele” der Erscheinung, die nur erkannt werden kann, wenn die Erlebnisfähigkeit derart entwickelt ist, daß sie auch auf Anstöße reagiert, die den physischen Sinnen völlig unwahrnehmbar bleiben.

Für solches Erkennen ist es belanglos, ob man die Erscheinung bis auf ihre innersten Fasern seziert, oder sie in der Gesamtheit ihrer Formkomplexe auf sich wirken läßt, ohne sie erst mechanisch, sei es auch durch die Mechanik des Denkens, in ihre einzelnen Teile aufzulösen.


Es besteht an sich durchaus keine Bedingtheit der Tiefe und Bedeutung des Erlebens durch die Umfänglichkeit, oder die mechanische Wucht in der eine Erscheinung wahrgenommen wird!

Ein Feuerwerk kann das Auge blenden, und mit ungeheurem Geprassel und Geknatter enden, — dennoch kann ein winziger Glühwurm im Dunkel sommernächtlichen Waldes Anlaß zu einem weit tieferen Erlebnis werden als es jemals die Künste des Pyrotechnikers in uns hervorzurufen vermöchten…

So ist es mit aller Erscheinung, möge sie nun durch das Auge, das Ohr, oder einen anderen physischen Sinn von uns „aufgefaßt” werden!

Gewiß kann die Majestät ragender Hochgebirgsgipfel, oder die tosende Wildheit anstürmender Meeresbrandung Ursache tiefen und starken Erlebens werden, aber auch Allerkleinstes und scheinbar Unbedeutendstes kann gewaltiges Erlebnis wecken.

Unzählige Menschen, — und wahrlich nicht die seelisch kältesten, — sind dauernd in der Erwartung eines ungeheuren Erlebens, das ihre innersten Tiefen erschüttern könne, — und weil alle Sehnsucht dieses Erleben nicht herbeiziehen kann, hasten sie unstet suchend von Erscheinung zu Erscheinung, befangen im Wahn, das erhoffte Erleben müsse zu erreichen sein, fände man nur die gewaltige Erscheinung, die durch ihre Ungeheuerlichkeit die Seele überwältigen könne.

So bleibt ihnen schließlich kein Wunder der Natur mehr fremd und alle Erdteile werden ihnen vertraut, aber die Sehnsucht der Seele bleibt dennoch ungestillt.

Andere wieder suchen die große Erfüllung in den Bereichen der Kunst, der Wissenschaft, oder des abstrakten Denkens, — und wieder andere, besonders in heutigen Tagen, erwarten alles Heil von den „Wundern der Technik”, wenn sie nicht gar die sportliche „Sensation” und den Kitzel verwegenen Spiels um Leben oder Tod, als Opfer einer Selbsthypnose, für das mit allen Kräften ersehnte Erlebnis halten.

Keiner denkt daran, daß alle die zeitweiligen Erregungen, die er sich solcherart verschafft, — mögen sie ihm nun auf Höhen oder in den Niederungen der Erscheinungswelt zuteil werden, — nur Betäubung, ja Betrug an der eigenen Seele sind, die nach wie vor ihr Recht verlangt, das Glück des Erlebens zu empfinden in dem sie ihrer selbst bewußt zu werden vermag.

Solches Erleben aber kann jeder in seinem allernächsten Umkreis zur Genüge finden, und weiß er es zu finden, dann wird ihm alle Sucht nach fernem Unbekannten töricht, aller Nervenkitzel den er andere als „Erlebnis” preisen hört, nur als bedenkliches Surrogat echten Erlebens erscheinen.

Doch — wie schon zu Anfang gesagt — setzt wirkliches Erleben: Erlebnis-Fähigkeit voraus.

In jedem Menschen ist, latent, diese Fähigkeit vorhanden, aber keiner wird sie zu gebrauchen wissen, der sie nicht bis zu einem gewissen Grade in sich entfaltet hat, und solche Entfaltung ist das Werk steter Übung.

Erlebnis erfordert äußerste Konzentration: — Einstellung allen Aufnahmewillens auf jeweils einen einzigen Punkt, — und stete Bereitschaft, sich bei gegebenem Anstoß sogleich in solcher Konzentration zu „sammeln”.

Wer dagegen stets nach „Zerstreuung” Ausschau hält, der wird ganz gewiß nicht seine Erlebnisfähigkeit entfalten!

Er jagt nur von Phänomen zu Phänomen, unersättlich wie ein Sklave berauschender Gifte, um bestenfalls am Ende seiner Tage einzusehen, daß alles was er je getrieben hat „eitel” war, — um dann in bitterer Resignation zu enden. —

Man soll das Erlebnis auch niemals suchen, — noch soll man es als eine Feiertagsgabe betrachten.

Das echte Erlebnis kommt stets ungesucht und läßt sich am leichtesten mitten im Alltag finden.

Plötzlich entdeckt man es auf Wegen, die man gewiß nicht ging um ein Erlebnis zu suchen, — doch wenn man sich aufmacht mit großer Vorbereitung, wird man sicherlich zuletzt nach Hause kommen, leeren Herzens und voll Traurigkeit…

Das gilt vor allem auch für jegliches Erlebnis das da Kunde bringen kann von einer Welt des wesenhaften Geistes.

Nicht in der irdischen Erscheinung, wohl aber im Erlebnis vermag der erdgebundene Mensch das Geistige zu fassen, und doch bedarf auch dieses Erleben der Auslösung durch Formen und Ereignisse die zur Erscheinungswelt gehören, ja das Geistige selbst ist innere Erscheinungswelt und läßt nur als solche sich im Innern der Seele fassen. —

Wo aber äußere Erscheinung, die den Erdensinnen faßbar wird, sich aufzudrängen sucht als Bote aus der reinen Geisteswelt, dort sei man stets auf seiner Hut, denn seltener als Diamanten in dem Ufersand des Meeres sind jene Kräftekonstellationen, die das Geistige den Erdensinnen faßbar werden lassen im Phänomen, und unter allen Millionen Menschen auf der Erde sind nur zu jeder Zeit so wenige, daß sie in einer engen Stube sich versammeln könnten, von denen solches Phänomen sich fassen läßt. —

Wer aber Geistiges, und sei es auch nur einmal, in seiner Seele innerstem Erleben faßte, der verlangt nicht mehr, daß es im Phänomen der Außenwelt sich offenbare, denn ihm ward eine Offenbarung jener Art, die manchen Schauenden so sehr beglückte, daß er vermeinte, alle Aussenwelt sei nichts als Schein und Trug, verglichen mit der hellen Wirklichkeit die er in sich erfahren hatte. —

Ist es schon Torheit, zu glauben, man habe die äußere Erscheinungswelt durchdrungen, weil man ihre kleinsten Teile seinen Sinnen faßbar machte, — ihre Wirkungsmöglichkeiten aufzuspüren suchte und im Denken sich ein Gleichnis schuf in dem man sie nun zu besitzen wähnt, so ist es erst recht unsagbar töricht, verlangt man gar, daß sich die Welt des Geistes auf solche Weise in der sichtbarlichen Erscheinungswelt finden lasse, und schließt man mit kindlichem Eigensinn: — da sie so nicht zu finden sei, so sei sie auch auf andere Weise nicht erreichbar.

Nicht minder töricht aber ist auch die Forderung eines Beweises für das Vorhandensein geistiger Kräfte, durch Manifestationen die den Erdensinnen faßbar werden.

Wer noch in solchen Irrgärten der Gedankenwelt gefangen ist, der ahnt noch nicht aus weitester Ferne was „wesenhaften Geistes” Art und Gestaltung ist, ja, er hält wohl gar den Teil der Gedanken-Welt dessen Dasein er fühlt, obwohl es sich ihm noch nicht erschließt: — den Teil, der außerhalb des ihn umfangenden Irrgartens ist, — für den ewigen, substantiellen Geist!

So hören denn auch manche, daß die Welt des wesenhaften Geistes nur im Erlebnis sich offenbart, und wähnen, dieses Erlebnis längst zu kennen, als das Erleben ihres hirngebundenen Denkens.

Das Erlebnis aber, von dem ich hier rede, hat nicht das mindeste mit dem Denken zu tun, und die Welt des wahrhaftigen, wirklichen Geistes ist himmelhoch erhaben über allen Wundern der
Gedankenwelt! —

So aber, wie jedes Gebiet menschlichen Erkennens dem sich aufschließt, der die Bedingungen zu seiner Erschließung erfüllt, so wird auch ein Mensch der seine Fähigkeit innerlich zu erleben, an allen Erlebnismöglichkeiten der äußeren Erscheinungswelt schult, allmählich dahin gelangen, durch die Erscheinung den Anstoß zu jenem Erleben zu erhalten, das ihm die Welt des wesenhaften Geistes offenbart.

Nur im Erlebnis seiner eigenen Seele wird er sie erfassen, — jene Welt, die jenseits der Sinne und jenseits des Denkens ist! —

Dann aber erst wird ihm auch alle Erscheinung das innere Sein enthüllen, als dessen Abglanz sie er-scheint…

Dann erst wird der Erlebende sein eigenes Dasein zu deuten wissen, und was bis dahin dunkel war, wird aufleuchten in ewigem Licht! — — —