DIE FOLGERUNG

KULTMAGIE UND MYTHOS

Vorbemerkung
1. Das Werk des Menschen.
2. Mythos und Wirklichkeit.
3. Mythos und Kult.
4. Kult als Magie.
5. Magie und Erkenntnis.
6. Das innere Licht.
7. Die Folgerung





DIE FOLGERUNG

 

Der Menschengeist, der sich in dem ungestüm heischenden «Tiere» der Erde selbst verloren hat, bleibt dennoch für alle Zeit seiner geistigen Urheimat verbunden, auch wenn er nicht darum weiß.
In dichtester Verfinsterung wird ihm zu Zeiten stets ein zarter Strahl des Lichtes wiederkehren, aus dem er einst sich selbst durch eigene Willensabkehr löste. Es sind nur wenige Sekunden jeweils, die ihn wie Erinnerung an längstgeträumte Träume noch erahnen lassen, daß er von Ewigkeit her Anderes ist als dieses «Tier» der Erde, dem er hier sich so verhaftet fühlt, daß er ihm seinen ewigen Namen gab. –
Aus solchen wenigen Sekunden wird ihm dann der Drang, sich selbst im Erdentiere wieder aufzufinden.


Gewolmt, allein des «Tieres» Kräften zu vertrauen, beginnt er so sein Suchen nach sich selbst in gleicher Weise, wie er die Dinge dieser Erde zu ergründen sucht.
Notwendig muß er die Erfahrung machen, daß all sein Suchen nach sich selbst auf solche Art vergeblich bleibt und nur die Dunkelheit verdichtet, die ihn vordem schon umgab. –
Würde Hilfe ihm nicht, die allein hier helfen kann, – die Hilfe aus der Urheimat des Geistes, dargeboten durch die hohen Helfer die dazu verordnet sind, – so müßte der Mensch daran verzweifeln, jemals sich selbst, als den ewigen Menschengeist, im «Tiere» dieser Erde wieder zu finden, und den Dämon dieser Erde – den «Fürsten der Finsternis» – zu bezwingen…


Die sanften Strahlen uranfänglichen Lichtes, die ihn zu Zeiten erreichen, vermögen es wohl, in ihm die Sehnsucht nach dem Lichte zu erwecken, allein: – noch läßt sich die Fessel nicht lösen, die das «Tier» um den Menschengeist, der in und mit ihm lebt, zu schlingen wußte.–
Noch wird sich der Mensch der Weite seines Geistes, noch wird er seiner Höhe und Tiefe nicht bewußt, denn was er bis hierher seinen «Geist» zu nennen pflegte, ist nichts anderes als sein gedankliches Bewußtsein um sein tierisch-irdisches Erleben.–
Hier aber findet er sich eingeengt in viel facher Bindung, so daß er alles was nicht gleicher Bindung unterworfen ist, als außer sich und über sich empfindet. So schafft er sich seinen Gott und seine Götter, auf daß sie Träger seien dessen, was seiner Erdgebundenheit sich scheinbar nicht vereinen läßt, und noch nicht erkannt wird als des eigenen, ewigen Wesens Inbegriff…
So schafft er sich seinen Mythos ohne vor erst auch nur zu ahnen, daß er nur die Geschichte seines eigenen Daseins darzustellen weiß. –
So schafft er aus dem Mythos sich den Kult, und wird sich nicht bewußt, daß hier das Erdentier, gezwungen sich dem Menschen geiste endlich zu beugen, nur eine Ausflucht fand, um seine Herrschaft doch in dieser Form zu wahren…


Würde der Mensch erkennen wer er ist, dann wäre es um des «Tieres» und des Erden-dämons Macht in ihm geschehen, – so aber stellt er sein Bestes über sich hinaus und fühlt sich nur um so mehr in des «Tieres» und seines kosmischen Despoten Gewalt.
Die Leuchtenden des Urlichts, die einst den Kult zur Kult-Magie erhoben, suchten zwar ihre irrenden Menschenbrüder solcherart aus dieser Macht des «Tieres» zu erlösen, doch viel zu fest hält diese Macht den Menschengeist gebunden, als daß er jemals sich ihr ganz entwunden hätte.
Der größte Liebende ging über diese Erde und lehrte klaren Wortes, daß dem Menschen «alle Gewalt» gegeben sei, des «Tieres» und der dämonischen Kräfte Herr zu werden und aller selbstgeschaffenen Götter Herrlichkeit in sich zurückzunehmen, – allein man verstand nicht seine Lehre und formte sie in solcher Weise um, daß man im «Tiere» zwar fortan den «Feind» erblickte, doch einen Feind, den man zwar foltern, aber niemals gänzlich überwinden könne.
Erstickt ward jegliche Regung, sich des «Tieres» Kräfte zu einen und als des «Tieres» Herr sich seiner zu bedienen, wie man ein Lasttier braucht, das man zwar gut bei Kräften hält und wohlernährt, doch sicher dorthin lenkt, wo es dem Eigner Dienste leisten soll…


Die Kunde von des hohen Meisters Lebenstagen ward zu einem neuen Mythos, der alsbald auch einen Kult zu tragen hatte, geformt aus Überresten alten kultischen Besitzes, denen man aus Worten die der Meister hell und klar gesprochen hatte, willkürlich dunkle, eigener verworrener Erkenntnis angepaßte Deutung gab. –
Bedeutsam aber bleibt auch heute noch, was so entstanden ist, da es die Reste alter Kultmagie verwahrt, die sonst verloren wären.
Unzählige sind noch in heutigen Tagen nur durch diese Reste alter Kultmagie dem Geistigen verbunden und Geisteshilfe weiß sie zu erreichen, sei auch die eigentliche Quelle solcher Hilfe ihren Augen dicht verhüllt durch jene bilderreichen Schleier, die der Mythos ihres Glaubens, wunderlich und arabeskenhaft verschlungen, um alle letzte Wirklichkeit zu weben weiß…
Nicht denen, die in solcher Art Genüge finden, gelten meine Worte!
Sie mögen zu bewahren suchen was sie haben, und dürfen immerhin gewiß sein, daß der Weg den ihres Glaubens Lehre sie zu gehen heißt, zwar oftmals «Umweg» ist und sie durch dunkle Gründe leitet, jedoch zuletzt, wenn sie das Reich der bloßen Bilder einst durchwandelt haben, das höchste Ziel dennoch erreichen läßt, – so sie auf diesem Wege, voll des gläubigen Verlangens, letztlich nach dem Geiste streben. –
Anderen aber gilt meine Rede!
Jenen Anderen, die keine Kultmagie erreicht, da sie der Deutung die der Kult erheischt, sich längst entwachsen wissen, auch wenn sie noch erfühlen, was wie ferner Glokkenklang aus dieses Kultes Liturgien tönt. – als letztes Zeugnis längst dahingegangener Geschlechter. –


Der Weg den ich zu künden komme, läßt den Suchenden der ihm vertraut, das Land der Wirklichkeit erreichen, ohne seinen Blick durch jene Mauern einzuengen, die ein furchtgeborener Glaube angstumschnürter Herzen zu errichten wußte… Wer immer diesen Weg betritt, wird in sich selber sichere Führung finden, so er nur selbst sich solcher Führung würdig macht durch eine Willenswandlung, die da alle seine Seelenkräfte einigt in unwandelbarem Streben nach dem höchsten Ziele. –
Wer aber diesen Weg betritt, wie er auch vor dem andere Wege fruchtlos zu erforschen strebte – sei es um der Neugier willen, oder um sein erdenhaftes Wissen zu bereichern – der wird allein gelassen werden und gar bald des Weges rechte Spur verlieren!
Desgleichen duldet dieser reine Höhenweg die Füße dessen nicht, der noch das «Tier» in sich nicht zu bezwingen wußte, mag er auch seiner Seele Kräfte allem Hohen dienstbar machen wollen…
Hier ist kein Paktieren möglich mit des «Tieres» nimmersatten Trieben, und keine Folge trieb versklavten Handelns läßt sich tilgen! – – –


Das «Tier» im Menschen wird ihm täglich tausend gute Gründe bringen, seiner Triebe scheinbar «gutes Recht» zu wahren.
Des «Tieres» Stimme wird mit holden Worten schmeicheln, – wird geflissentlich den Menschen zu betören suchen, als sei «belanglos», was er ihm gewähre, bleibe seiner Seele Sehnen nur auf Geistiges gerichtet…
Es sucht das «Tier» mit allen Listen seine Macht zu wahren und duldet selbst Verachtung und Verachtung seiner Wünsche, wenn der Mensch um diesen Preis nur sich ihm ergibt. –


Wer aber den Weg, der ihn zur Selbsterkenntnis führen sollte, nicht im Wege zur Vernichtung enden sehen will, der hüte sich, des « Tieres » Stimme zu vertrauen!
Er sei gut zu dem Tiere und wisse ihm zu sagen: «Wahrlich, ich danke dir, du mein Tier, daß du solcherart stark in mir bist, allein deine Kraft sei nun allein in meiner Macht! – Wisse: du sollst mir gewandelt werden, und gefügig mir fortan dienen als deinem Herrn!» –

 


Wie Donnerschlag ist solches Wort dem «Tiere», so daß es daran sterben muß, – jedoch, wie eine ekle Raupe zwar als Raupe stirbt, um dann als farbenreicher Falter zu erstehen, so ist auch des «Tieres» Sterben nur vonnöten, damit es zu neuer Art des Lebens – geläutert und durchlichtet in sich selbst – gewandelt werde…
Der aber ehedem ein Höriger des «Tieres» war, ist dann sein Eigner und es dient ihm willig aus seiner erneuten, hochgewandelten Kraft! – –
Im gleichen Leibe geschah sein «Sterben » und sein Auferstehen, und doch sind alle Atome dieses Leibes geistig erneut!


Wer solcherart das «Tier» in sich zu wandeln weiß, den wird des «Tieres» Leben nicht mehr hindern können.
Dem Leben des Geistes wird es sich völlig einen!–
Wie das Gehäuse der Laute Resonanz dem Klang der Saite gibt, so wird der tierische Leib dem Menschen dienen, seines Geistes Kraft zu voller Entfaltung zu bringen.
Es wird fürderhin nur der Geist alle Herrschaft üben!
Ausgelöscht ist des «Tieres» Eigenwille, der vordem des Geistes Feind und steter Widersacher war…


Nun erst ist die Gefahr beschworen, die einem Jeden stetig droht, der sich vermißt, zur Höhe aufzusteigen, bevor das «Tier» in ihm erstarb und wieder ihm erstand, in heilig hehrer Wandlung hingegeben nun des Geistes Willen! – –


Zwar hat es zu jeder Zeit auch Menschen gegeben, die, ihrer Geistigkeit bewußt, zu hohen Stufen vorgedrungen waren, ohne des «Tieres» sichere Eigner zu sein, allein, – man lasse sich durch hohen Erdenruhm nicht täuschen.
Kein einziger aus ihnen hat sein höchstes Ziel erreicht auf dieser Erde, kein einziger aus ihnen erlebte während dieses Erdenlebens in sich selbst, in seinem Allerinnersten, seinen lebendigen
Gott!– –
Wohl hat ihr Geist in herrlich hohen Worten sich bekundet, allein sie selber blieben stets im Zwiespalt bis zum Ende! –


Wer dieser geistig Hochgelangten weise Worte in sich aufzunehmen weiß, tut wohl, doch wahrlich darf er nicht ihr Leben sich zur Richtschnur dienen lassen, wenn er zum Vollbewußtsein seiner höchsten Daseinsform im Göttlichen gelangen will! – – –
Gar mancher Mensch, der in Verborgenheit sein Leben lebte und dessen Name keine Kunde nennt, hat unbeschreiblich Höheres erreicht als auch der Größte derer, die zwar hohe Geistesstufen zu ersteigen wußten, aber nicht vermochten, aus des «Tieres» Fesseln sich zu lösen…


Nur dort, wo das «Tier» verwandelt und vollkommen dem Geiste geeinigt wurde, – nur dort werden die Geheimnisse nicht mehr nur geahnt, sondern in klarem, wachen, eigenen Erleben erlebt! –
Solchem Erleben aber kann jede Seele erschlossen werden.
Es bedarf dazu nicht des Glaubens an einen Mythos, noch ist ein Kult dazu vonnöten, der aus einem Mythos erwuchs.


Wird Kult in seiner höchsten Form zur Kult-Magie, so läßt sich von des Erden menschen Alltagsleben sagen, daß es erst lebenswert und lebenswürdig wird, so bald der Mensch erkennt, daß all sein Tun ein magisches Geschehen auslöst, mag er darum wissen oder nicht…
Erst dann ist die höchste Form des Lebens erreicht, wenn alles Denken, Reden oder Tun bestimmt wird durch das Wissen um die Wirkung in der unsichtbaren Welt des physischen Ge schehens, und weiter: durch das Wissen um die Wirkung jeglicher Impulse auf die eigene Geistsubstanz. – – –


Von außen her wird hier auf Erden alles Innere erreicht!
Von außen her allein vermag der Mensch sein Inneres zu formen, auf daß es fähig werde, Allerinnerstes dann in sich selber zu vernehmen!
Es gibt nichts Äußeres, das hier gering zu achten wäre! –


Bewußtseinsfremd geworden seiner Urheimat im Geiste, findet der Menschengeist sich nunmehr nur bestätigt durch sein Denken, Reden oder Tun in dieser Außenwelt, und nur von hier aus kann er füglich auch zurückgelangen zu sich selbst.
Alles Äußere muß ihm zum Mittel werden, sein Inneres wieder zu erreichen!
Nur so macht er von aller Außenwelt den rechten Gebrauch: – er, dem sein eigener Körper auf dieser Erde schon «Außenwelt» ist! –


Man ruft in diesen erdgefesselten Zeiten nach dem «neuen Mythos», und man meint im Grunde den neuen Kult…
Nicht eher aber wird der neue Kult der Menschheit werden, als bis Magie in ihrer heilighöchsten Form alles Erdenleben durchlichtet hat. –
Die geistige Daseinswirklichkeit des Menschen wird dann an die Stelle des Mythos treten, und aus dem Leben wird die kommende Kultmagie erstehen! –

 

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