SCHLUSS WORT

DIE WEISHEIT DES JOHANNES

Einführung
Das Bild des Meisters.
Des Leuchtenden Erdenweg.
Der Ausklang.
Die Sendschrift.
Die reine Lehre.
Der Paraklet.
Schlußwort







SCHLUSS WORT

SOWEIT ICH in diesem Buche Worte des überlieferten Textes meiner Rede verflochten habe, nahm ich sie nur auf, wenn mir die geistige Gewißheit wurde, daß sie dem Sinn des Ursprungstextes noch entsprechen, und wo dies nicht der Fall war, suchte ich in meinen Worten diesem ursprünglichen Sinn gerecht zu werden.

Da ich in diesem Buche nur die alte Sendschrift deute, die als das «Evangelium Johannis» gilt, so ließ ich mit Bedacht die Meisterworte fehlen, die ich als gutbegründet auch in den drei früheren Berichten von des Meisters Erdenleben kenne, obwohl sie dem, was ich zu sagen hatte, gar oft Bestätigung gegeben hätten.
Wer aber meinen Worten folgt, der wird das Nichtverfälschte in den anderen Berichten unschwer selbst herauszufinden wissen, so wie er auch von Fall zu Fall die Gründe bald entdecken wird, die in der alten Sendschrift wie den früheren Berichten, Einschub und Überarbeitung veranlaßt haben.

Es ist hier nicht zu leugnen, daß so manches Wort, das denen, die im Glauben an die Göttlichkeit der alten Schriften aufgewachsen sind, einst lieb und teuer war und ihnen wohl auch heute noch als heilig dünkt, nur spätere Erdichtung ist.
Soweit sich solche Worte aber irgendwie als Wahrheitsträger dartun lassen, sehe ich noch keinen Grund, sie nun gering zu achten oder gar sie zu verwerfen.
Die späteren Bearbeiter der alten Schriften waren – will man sie als «Dichter» werten – den ursprünglichen Schreibern oftmals weitaus überlegen. Sie fanden manches Bild und manche Sagenformung, um die Glaubensmeinung der sie dienten in die alten Texte einzuführen, die ihnen die ursprünglichen Verfasser wahrlich hätten neiden können. –

Doch ist es ein Anderes, ob man erkennen lernen will, was einst die Urschrift bot, oder ob man fromme Erbauung sucht in eines Dichters Worten, der bemüht ist, seinem inbrünstig geliebten Glauben eine Urkunde zu schaffen.
Da in der alten Sendschrift, die es hier zu deuten galt, zudem die Urschrift durch die Dichtung überwuchert ist, und so ein Dokument Verfälschung fand, das sich als einzige Bekundung jener reinen Lehre die der hohe Meister nur den nächsten Schülern gab, der Nachwelt dargeboten hätte, so war es nur zu sehr geboten, lediglich der Urschrift unverfälschten Inhalt wieder aufzurichten, soweit der Text herangezogen werden mußte.

Durch eine Redeform, die jeden Satz für sich bestehen läßt und ihm fast abgeschlossene Bedeutung gibt, auch wenn er sich an anderer Stelle findet, als dort wo er zuerst gegeben war, sah in der ersten Folgezeit sich jede Glaubensmeinung leichthin in der Lage, die Sätze, die ihr störend waren, dem Zusammenhang des Textes zu entreißen und sie nach Willkür dort dann einzufügen, wo sie ihr vorzüglich dienen mußten.
Wo dann ein Wort zu finden war, das man nicht gerne lesen mochte, dort schied man unbedenklich, als der «Ketzer» Zutat aus, was Urschriftprägung war; und was doch zu gewichtig schien, um ausgemerzt zu werden, dem gab man einen Einschub oder einen Zusatz, der den ursprünglichen Sinn ins Gegenteil verkehrte.
Auch nahm man nur zu gerne Worte, die der Meister einst in völlig anderem Zusammenhang gesprochen hatte, in die bald nach seinem Tode schon entstandenen Wundersagen auf, um so den frommen Glauben an die Wundermären zu befestigen.

Unzähliges ist entstellt, Unzähliges in sein Gegenteil verkehrt, und dennoch bleibt die Spur der reinen Lehre noch erhalten, – dennoch leuchtet durch den ganzen Text die hohe Liebe die als Vermächtnis des Apostels auch in den fernsten seiner nachgeborenen Schüler noch erhalten blieb, und die auch den Verfasser zeigt als Liebenden im Licht der reinen Lehre, die er den Seinen, denen seine Worte galten, erhalten wissen wollte – rein, wie er sie selbst empfangen hatte – unvermischt mit Glaubensmeinungen in denen er den Irrtum nur zu deutlich sah. – – –

Von dem was sonst noch, dieser alten Sendschrift gleich, dem Jünger zugeschrieben wurde, den der Meister «liebte» weil er ihn «in der Liebe» fand, ist nichts von jenem Jünger einst geschrieben worden, und nichts davon entstammt der Feder des Verfassers dieser Sendschrift.
Was man als «Briefe» des Jüngers Johannes betrachtet, enthält gewiß so manches herrliche Wort der Weisheit und ist wahrhaftig eines Menschengeistes Bekundung, der «in der Liebe» lebte, allein diese Briefe wurden erst geschrieben, als die Sendschrift von der hier die Rede ist, schon dem neuen Kulte angeglichen worden war, und ihr Schreiber war ein Gläubiger des neuen Kultes.

Das sogenannte Buch der «Offenbarung» aber – die «Apokalypse» – ist das Werk sehr verschiedenwertiger Geister, und das Zeugnis verschiedener Zeiten.
Es finden sich in ihm die Spuren „Wissender” neben dem mysteriösen Ausputz den das Buch durch Gläubige des neuen Kultes erhielt und den freigebigen Zutaten späterer Bearbeiter.
Der einst dem Inhalt dieses Buches die grandiose dichterische Gestaltung gab, benutzte nur ein Material, das lange vor ihm schon in Fragmenten vorhanden war als Bezeugung
mystischer Gesichte. –
Die reine Lehre aber, die der hohe Meister seinen nächsten Schülern einst gegeben hatte und die nur jener Eine den er «liebte» ganz erfaßte, um sie denen zu vermitteln, die zu ihm sich hielten, ist nur in dieser Sendschrift zu erkennen, die ein Späterer, der ganz im Geiste dieser Lehre lebte, aufgezeichnet hat.

Möge das Weisheitsgut, das diese Sendschrift birgt, trotz aller Überformung die sie leiden mußte, den Suchenden der kommenden Tage nicht verloren sein! –

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