EINFÜHRUNG

DIE WEISHEIT DES JOHANNES

Einführung
Das Bild des Meisters.
Des Leuchtenden Erdenweg.
Der Ausklang.
Die Sendschrift.
Die reine Lehre.
Der Paraklet.
Schlußwort






EINFÜHRUNG

VERBORGENER Ströme glockentiefes Rauschen tönt stetig fort durch die Jahrtausende, und aller Lärm des lauten Tages kann dieses tiefe Rauschen nicht vor denen bergen die es hören wollen.
Zwar sind die Ohren derer die den Lärm erzeugen helfen, fast taub geworden, so daß sie nur noch hören können was mit schrillen Lauten sie zuallernächst umtost, allein zu jeder Zeit gab es denn doch auch Menschen die sich den lauten Märkten fernehielten und in stiller Mitternacht den heilig ernsten, fernen Klängen lauschten, die aus Urseinstiefen sich vernehmen lassen.
Zu Zeiten aber werden diese Wenigen zu Vielen, und ihre Ohren werden so geschärft, daß sie die urgrundfernen Klänge selbst im wildesten Getöse ihrer lärm berauschten Umwelt deutlicher empfinden als den grellen Lärm der sie daran zu hindern sucht.

Wir leben im Anbruch einer solchen Zeit!
Tagtäglich mehrt sich die Zahl der Hörenden!
Sie stört nicht mehr das heisere Schreien der Jahrmarktsrufer, nicht das Brüllen wilder Tiere noch das Kastagnettenklappern toller Tänzer, und lächelnd überhören sie das Schellenklingeln bunter Narrenkappen.
Sie hören nur den einen, heilighehren Glockenton – hören allein auf das stete klangtiefe Rauschen der Ströme der Ewigkeit – und suchen räumlich wie zeitlich in Nähe und Ferne ihresgleichen: suchen Menschen die bekunden können, daß auch sie das gleiche tiefe Rauschen allerorten hören.

 

 
The wisdom of John

 

Müde sind heute die Besten aller bloßen Weisheit der Gehirne.
Längst lockt die Akrobatik des Gedankens nur noch junge Greise oder alte Kinder.
Die geistreichen Schlüsse pfauenstolzer Klügler gelten kaum noch als billige Scheidemünze unter der ewig kindischen Menge, und man erhandelt nur zuweilen noch damit ihre Gunst, so wie der Seefahrer die Gunst der Wilden gewinnt durch bunte Gläser und glitzernde Perlenschnüre.
Wer aber, dem Erwachen nahe, des Erdenlebens Wert in Tat und Wirken sucht, der verlangt nach anderer Erkenntnis: verlangt nach einem Innewerden sicherster Gewißheit, die nicht schon morgen wieder Ungewißheit wird, – der nicht die Resultate fremder Forschung früher oder später ihre Fundamente unterwühlen können.

Zu allen Zeiten gab es Menschen denen solche Gewißheit wurde.
Sie wird nicht erschlossen und nicht erklügelt, und keines Menschen Hirn kann sie erdenken!
Nicht Reichtum äußeren Wissens ist vonnöten um sie zu erhalten!
Wer du auch sein magst und wie hoch man auch dein Wissen werte: – Gewißheit wirst du eher nicht erlangen, als bis du lernst, der schillernden Vielfältigkeit deines Denkens zu entsagen!
Du hast aus «Gedankengängen» ein Labyrinth dir geschaffen in dem du dich selbst verloren hast.
Du kannst dich nur wiederfinden, wenn du zurück zum Eingang dieses Labyrinthes findest: – dorthin zurück, wo einst dein Denken einfach war wie eines Kindes
Denken! – – –
Auch die Menschen ferner Vorzeit kamen anders nicht zu Weisheit und Erkenntnis.
Es leuchtet heute noch das gleiche Licht, davon man staunend Kunde bei den alten Sehern findet: allein, wenn du im Dunkel der Gedankengänge dich ergehst, wirst du es leichthin leugnen können, da sich seine Strahlen dorthin nicht ergießen. –

Die Alten waren zu Zeiten wahrlich weit mehr «Herren der Erde» als diese neueren Geschlechter, die sich durch ihr Erklügeln und Ersinnen stolzerfüllt die Kerkermauern selber aufeinandertürmten, die ihnen dann den Blick in die Unendlichkeit verbauten…
Mit sicheren Instinkten wußten sie zu sichten und zu sondern, und nahmen voller Ehrfurcht jeweils in Besitz, was ihre Ahnen ihnen darzubieten hatten als unvergängliches, gewisses Weisheitsgut. So konnte aus der alten Tempel Trümmerstätten stets das Heilige gerettet werden, und mochte auch in jedem neuen Sanktuarium ein neues Kultbild sich erheben, so blieb es letzten Endes doch der gleichen Gottheit hülendes Symbol und war den Eingeweihten solcherart vertraut.

Die Menschen des nun schwindenden Geschlechts jedoch – die selbst weit tiefer als sie ahnten durch gar mannigfachen Aberglauben wateten, und die ihr Wähnen, Meinen und Vermuten anmaßlich als Wissen proklamierten – sahen in jedem Gottesbilde alter Zeiten nur den «Götzen», sahen in seinem Kulte nur der Alten «Aberglauben», und bemerkten nicht, daß neben jedem Gotteskulte tiefgeheime Weisheit schreitet, die freilich nur den Mündigen allein sich
offenbart. – –

So ist denn auch die alte Sendschrift, die man das «Evangelium Johannis» nennt, gar Vielen in den jüngstvergangenen Tagen und wohl auch noch in dieser heutigen Zeit, zu nicht viel mehr als einem Märchenbuch geworden, angefüllt mit poesiegetränkten Zeugnissen längst überlebten Aberglaubens…

Allmählich frei nun von der Furcht, das «Wort der Schrift», das früher als ein Werk des Geistes Gottes galt, auf seine zeitliche und erdgeborene Gestaltung hin zu prüfen, hatte man der alten Heidenlehren Spur darin gefunden, und da man weiterhin entdeckte, daß auch das wundersame Gottesmenschenbild des alten Buches mancher alter Götterbilder Züge in sich eint, so ward den Neueren – soweit sie sich nicht «Christen» nennen – des ganzen Buches Inhalt: frommes Hirngespinnst.
Viel mochte dazu beigetragen haben, daß man die alte Kunde nur in einer Form besitzt, die allzudeutlich zeigt, daß vieler Überformer törichtfrohe Arbeit ihr erst die Gestaltung gab die sie nun trägt.
Verderblich war es auch, daß man in alter Zeit schon darauf ausgegangen war, diese «Sendschrift» als ein Werk des Jüngers den der Meister «liebte» darzustellen, und somit alles tat um sie den älteren Berichten anzugleichen, die von des hohen Meisters Erdenleben – Wahrheit und Dichtung nach Gefallen ineinandermengend – legendenhafte Kunde bringen.
Man konnte so nicht mehr erkennen, daß dieses alte Buch – einst über ein Menschenalter nach des Meisters Tod entstanden – wohl jene Sagenkunden von des hohen Meisters Erdenwallen nutzte, daß aber sein ursprünglicher Verfasser wahrlich anderes erstrebte, als der alten Wunderbücher Zahl zu mehren.

Hier ist nun darzulegen, daß die alte Sendschrift, die einst frühe Überformer dem «Johannes» den der Meister «liebte» zugeschrieben haben, die Schrift eines «Wissenden» ist, der für seine Getreuen schrieb, die längst «von Mund zu Ohr» von einer Lehre wußten, die wahrlich «frohe Botschaft» allen war, die sie dereinst erreichte.
Aus gleichem gesicherten Wissen ist hier auszusprechen, daß jener der die Sendschrift erstmals niederschrieb, noch im Besitz von alten Schriften war, die in getreulicher Abschrift Worte aus des hohen Meisters eigenen Sendschreiben gaben, wie sie der Jünger Johannes nach des Meisters Tode in Verwahrung nahm und seine eigenen Schüler davon Abschrift nehmen ließ.
Des weiteren ist hier zu sagen, daß der Jünger den der Meister «liebte», als einziger unter den «Aposteln» um die tiefsten Dinge wußte, die zu seines Meisters Sendung in Beziehung standen.
Nach des Meisters Tode aber sammelte er um sich die Wenigen, die da von Anfang an die Lehre geistig faßten.
Als er dann selbst gestorben war, erhielt sich dennoch die Vereinigung dieser wenigen Getreuen, verwahrend tiefes, geheimes Wissen, das sich dem äußerlichen Kultkreis nie bequemen konnte, der sich alsbald gerundet fand als Frucht der Predigt jener anderen Jünger von denen sich der Auserwählte schon gar bald nach seines Meisters Tod in wachsender Entfernung stets gehalten hatte, so sehr auch die Legende die der äußere Kult sich schuf, bemüht ist, ihn den Ihren eng verbunden zu erweisen. –
Den Nachfolgern dieser Schüler des Apostels, – die aber sehr zu unter scheiden sind von des Täufersjüngern, der den gleichen Namen trug: Jehochanan – galt die Sorge dessen, der die Schrift geschrieben hat, von der ich hier zu reden haben werde.
Ihnen war wahrlich nicht zu kommen mit jenen Wundersagen, die heute sich in dem der Nachwelt dargebotenen und überaus verdorbenen Buche finden, auch wenn aus diesen Wundersagen manches spricht, das Nachgeborenen das Bild des Meisters hellen kann.
Sie wußten von einem Geisteswunder, das alle Wundersagen der Berichte weit in Schatten stellte, und dieses Geisteswunder kannten sie aus eigenem Erleben. – – –
So sehr sie aber auch des hohen Meisters Lehre, wie sie durch Johannes einst verstanden worden war, als heiligstes Vermächtnis hüteten, so trugen sie doch keineswegs Bedenken, wo immer sie in Lehren ihrer Zeit verborgener Wahrheit Fäden fanden, solche Wahrheit auch dem Tempelvorhang einzuweben, der in ihren Sanktuarien das Geheimnis wahrte vor profanen Blicken.
Nur wenn man dieses alles wohlbeachtet, ist auch heute noch – trotz aller fremden Hände die des ersten Schreibers Niederschrift verdarben – das bruchstückhaft Erhaltene dem inneren Werte nach zu fassen, soweit es töricht enger Korrektur schon in der ersten Zeit entging. So aber auch ist zu verstehen, daß der Dichter diese Sendschrift über alle anderen alten Glaubenskunden stellt, während neuere Forschung allen Scharfsinn aufzubieten sucht um durch den wild überwachsenen Garten der Erkenntnis den sie lichten soll, auch nur einen leidlich gangbaren Weg zu bahnen. – –

Und fragt man mich nun, aus welchem Wissen ich mir selbst Gewißheit holte, das in diesem Buche Darzulegende vor aller Mit- und Nachwelt zu vertreten, so muß ich als Erstes den Irrtum im Keime zerstören, als gäbe ich hier etwa Früchte eigenen «Erforschens».
Die Wege, die hier zur Gewißheit führen, sind so eng und steil, daß jedes eigene Gepäck und sei es auch ein Schatz des Erdenwissens höchster und sublimster Art, zurückgelassen werden muß, soll nicht der Fuß auf diesen Höhenpfaden straucheln. –

Es gibt ein «Wissen», das allein von diesen Dingen mit Gewißheit wissen kann!
Hier sind «Beweise» denen nur erlangbar, die seit der Urzeit solche Art zu «wissen» pflegen und den Bestätigten in jedem Menschenalter weitergeben was sie selbst auf gleiche Art erlangten; – die Fähigkeit des Wissens aus der Selbstverwandlung, wobei der Wissende zum Wissen aus dem Gegenstand des Wissens wird. – –
Aus solchem Wissen aber rede ich.
Ich will Gewißheit geben und weiß, daß anders Gewißheit nicht erlangbar ist. –
Es liegt mir ferne, zum Glauben an meine Worte überreden zu wollen.
Wer da ergründen will ob ich der Wahrheit Wort und Stimme leihe, suche in sich selbst – in seinem Allerinnersten – Bestätigung.
Er wird nicht vergeblich seine Zeit darauf verwenden, das was ich ihm zu zeigen habe, so zu sehen, wie ich es ihm zeigen muß…

Zuweilen mag es also scheinen, als ob ich von dem Gegenstande dieses Buches mich zu weit entfernte, und auch Wiederholung wird sich kaum vermeiden lassen.
Es ist nicht meine Absicht, nach System und Regel zu verfahren.
Die alte Sendschrift, die den Namen des «Johannes» trägt, soll hier nicht etwa einen Kommentar erhalten.
Es gilt hier nur, die reine Lehre aufzuzeigen, deren Kenntnis der Schreiber bereits voraussetzen durfte bei seinen Getreuen.
Und weiter will ich hier dem Irrtum steuern, daß die alte Sendschrift gleicher Glaubensmeinung Zeugnis sei wie die drei älteren Berichte über des «Gesalbten» Leben, denen man in alter Zeit sie schon zur PDF Seite stellte, nachdem sie dafür zubereitet worden war.
Es wird auch nötig werden, hier so manches Textwort nun in helleres Licht zu stellen, als wenn es nur des Beispiels halber oder als ein Mittel der Verständigung beiläufige Erwähnung finden sollte, wo es denn füglich auch in herkömmlicher Lesart und Bedeutung seinem Zweck entsprochen hätte.

So möge nun die hohe Weisheit die trotz aller späteren Verdunkelung noch aus dem alten Texte strahlt, den man das «Evangelium Johannis» nennt, ein Leitstern werden allen Suchenden, – ein Leitstern, der ihnen den Weg zum Geiste erhellt! –

*