TÖrichte Erfindungen

DAS MYSTERIUM VON GOLGATHA

Einführung
Das Mysterium von Golgatha.
Der furchtbarste unserer Feinde.
Liebe und Haß.
Seelisches Wachstum.
Geistige Führung.
Okkultistische Übungen.
Mediumismus und künstlerisches Schaffen.
An der Quelle des Lebens.
Unmöglichkeit einer „Aufnahme” in die „weiße Loge”.
Törichte Erfindungen.


 




TÖrichte Erfindungen

Gehorsam dem Ursprung meines geistigen Seins, sehe ich mich hier verpflichtet, vor einer Art „Weltanschauungsliteratur” eindringlichst zu warnen, die immer breiteren Raum für sich beansprucht und immer weitere Kreise von Suchenden suggestiv erfaßt, — bei Licht besehen aber nichts anderes darstellt als eine jeweils auf neue, kuriose Weise umgeschichtete Aufspeicherung unausgereifter Lesefrüchte.

Manche der Urheber solcher Literaturerzeugnisse gehören zu der seltsamen Menschensorte jener Selbstberufenen, die keine fünf Bücher zu durchstöbern vermögen, ohne die Gewißheit in sich zu verspüren, berechtigt und reif zu sein, nun ein sechstes Buch über ähnliche Materie selbst schreiben zu dürfen.

Andere aber haben wirklich so ziemlich alles gelesen, was jemals eines Menschen Hand niederschrieb als erdachte oder geglaubte Lösung jener Fragen des Verstandes wie des Herzens, die hinausverlangen über eine Welt, in der Leid und Tod, wie schreckende Gespenster, hinter aller Freude lauern.

Bestaunenswerte Belesenheit verbindet sich dann oftmals mit wohlgeübtem spekulativen Denken und einer nicht minder bedeutenden Kraft des Sagenkönnens, aber der Schreibende mag in solchem Falle selbst nicht bemerken, daß er sich nur vom Herzen schreibt, was er innerlich „loswerden” will, — daß sein Gehirn die wunderlichsten Gedankensprünge wagt, nur damit der Kopf endlich frei werde von dem Wust gedächtnismäßig angehäufter, angelesener Fallfrucht aus allen Feldern des Denkens, allen Gärten menschlicher Glaubenslehren.

Selbst ehrfurchtgebietendes Wissen im strengsten Sinne nüchterner Wissenschaft schützt in keiner Weise vor gleicher, notgetriebener Selbstberuhigung, die allzu sicher Hand in Hand mit der Einrede läuft: — so wie die auserdachte Formulierung „müsse” auch die Wirklichkeit gestaltet sein.


Die Wirklichkeit ist aber in jeder Weise unabhängig von den Vorstellungsbildern und Gedankenkonstruktionen, die sich das Menschenhirn reproduzierend schafft und aus denen es seine Welt erbaut.

Die Fülle der irdischen Erkenntnis, die der Gedanke zu erarbeiten, die Vorstellung zu erklären vermag, darf nicht zu der Mutmaßung verführen, daß man im Denkresultat und in der Erklärung nun etwa Werkzeuge gewonnen habe, mit denen die Wirklichkeit gewandelt werden könne.

Unveränderbar, ihrem eigenen Gesetz getreu, spottet sie jeglicher Absicht, ihr andere Formung schaffen zu wollen, und keine menschliche Geisteskraft vermag das, was wahrhaft Wirklichkeit ist, zu wandeln, wenn auch recht geringe Weisheit schon ausreicht, um in törichten Erfindungen sich zu ergehen, durch die der Mensch sich die Wirklichkeit hörig zu machen glaubt.

Um solche törichten Erfindungen handelt es sich ausnahmslos in einer Art Literatur, auf die meine Worte hier deuten.


Relativ ungefährlich bleiben diese Schriften und Traktätchen noch, wenn die Torheit so zutage liegt, daß auch der Unbelehrte und Nichtgewarnte sie alsbald entdeckt.

Weit mehr Unheil aber bringen solche Bücher, wenn in ihnen ein fanatischer Geist, geübt in denkgerechter Darstellungsmethode, die Gallerte seiner hirngeborenen Erfindungen mit allerlei Erkenntnisfragmenten mischt, die wahrhaftes Bildstück der Wirklichkeit sind.

Der Leser fühlt dann bei jedem solchen Bruchteil, den er in der weichen Masse findet, etwas Festes, — fühlt mit Sicherheit, daß diesem Stück der Darbietung eine Wirklichkeitswahrheit entsprechen müsse, und wagt daraufhin den unvorsichtigen Schluß, daß dann auch wohl das ganze schwabbernde Gemenge wahrhaftes Zeugnis der Wirklichkeit sei. —

Die nächste Folge ist Furcht, durch eigenes Prüfen und Wägen einer Wahrheit verlustig zu gehen, und einmal im Banne solcher Furcht, erlahmt zuletzt alle Fähigkeit zu eigener Kritik, die allenfalls den geschickt Geköderten noch von der Angel hätte befreien können.

Es gibt recht viele hochachtbare Männer und Frauen, die voreinst als ehrliche Suchende das Wahrheitsbild der Wirklichkeit zu finden hofften, und dann auf die geschilderte Weise für ihre ganze Lebenszeit auf Erden der Freiheit verlustig wurden.

An die Vergeudung des Nationalvermögens, die in fast allen „zivilisierten” Ländern der Welt getrieben wird um die Köpfe solcherart zu verwirren, und Angst in die Herzen zu pressen, mag hier nur andeutungsweise erinnert werden…


Keiner der Autoren der hier gemeinten Literaturgattung scheint sich die Frage zu stellen, ob er auch nach seinem irdischen Tode noch verantworten könne, was er in seinen Erdentagen mit so suggestionsbereiter Stimme lehrt, und vielleicht auch vor sich selbst für verantwortlich hält. —

Vielen wird eine solche Frage auch wenig Kopfzerbrechen bereiten, da sie im Verborgensten ihres Denkens der These folgen, daß doch mit dem Tode des Erdenkörpers ohnehin alles Erleben beendet sei.

Aber auch dort, wo der Erfinder zugleich Sklave seines selbsterzeugten Vorstellungsweltgemenges ist, scheint nichts ferner zu liegen als auch nur der leiseste Gedanke des Zweifels am eigenen Recht zur Verkündigung.

Es fehlt da wie dort leider allzusehr am Verantwortungsbewußtsein, und bitter schmerzlich wird es mir, hier auszusprechen, daß auch bewunderungswürdige dichterische Gestaltung keineswegs imstande ist, die Giftwirkungen zu paralysieren, denen der seelische Organismus allenthalben sich ausgesetzt findet, wo über die letzten Dinge ohne Ruf und Recht gesprochen wird, als ob da ein Thema gegeben sei, das man nach Geschmack und Laune abwandeln könne…


Es läßt sich zur Not vielleicht noch verstehen, wenn der im Dienste einer Glaubensgemeinschaft wirkende, auf ihren Vorstellungsvorrat angewiesene Versorger der Seelen weiterhin lehrt wie man ihn lehrte, daß er lehren müsse, trotzdem sein Erkennen längst schon solche Lehre überwuchs, — aber kaum wird ein freier Wortgestalter, der nur seiner Kunst verbunden ist, auf das gleiche Verstehen und — Verzeihen rechnen dürfen, verwendet er urheilige Begriffe und der Menschheit gottesnächste Worte um dem Tag zu dienen, wenn der Tag, verehrungsfern, Dekoration verlangt, die trübe Tünche trügerisch verstecken soll. —


Die Menschheit dieser Zeit ist wahrlich noch nicht „entartet,” auch wenn das berufsmäßige Nörgler gern wahrhaben möchten.

Selbst die bisherige Unfähigkeit der Völker, einander auf andere Weise Achtung abzugewinnen, als nur durch die Angsterzeugung vor den schauerlichsten Vernichtungsmitteln, — ist wirkliche „Unfähigkeit”, nicht Entartung!

Diese Menschheit ist noch nicht fähig, den Sinn ihrer mechanischen Eroberungen während der letzten hundert, — und noch weniger: während der letzten fünfzig Jahre, — zu begreifen!

Sie ist eben dadurch auch nicht fähig, die genannten Eroberungen wirklich als Besitz zu beherrschen, sondern wird vielmehr von dem, was ihr zu erobern gelang, vorerst „besessen”…

Ist dieser gespenstische Zustand erst einmal überwunden, dann wird sich auch Fähigkeit einstellen, die urgründigen geistigen Lehren zu entdecken, die hinter allen technischen Erfindungen der neuesten Zeit auf Entdeckung warten. —

Aber auch heute schon könnte offener Sinn aus den Bezirken technischer Eroberungen die Lehre mit nachhause nehmen, daß bloßes Wissen um die Handbuchthesen der Mechanik keineswegs genügt, um auch hier die Wirklichkeit wahrzunehmen, die erst erkannt werden muß, bevor der rechnende Ingenieur an sein Werk gehen kann, will er zum Erfolg seiner Mühe gelangen.

Nur wenn er der unbeeinflußbaren Wirklichkeit sich sorgsam anzupassen weiß, werden die von ihm ersonnenen Maschinen brauchbar sein.

 

So aber ist auch jede Erfindung allzureger Phantasie völlig unbrauchbar wenn jene Dinge Darstellung finden sollen, die unseren heute allein bekannten und gewohnten Tierleibsinnen unzugänglich bleiben müssen.

Auch hier muß einer erst der Wirklichkeit kundig sein, bevor ihm die Gewißheit werden kann, daß seine Darstellung die Seelen nicht im Dickicht wildester Verwirrung enden läßt.

Es sind aber zu jeder Zeit, unter allen Millionen Menschen der verschiedenen Rassen, nur ein paar Männer, die derart vorbereitet geboren werden, daß sich die Wirklichkeit ihnen zeigen, und daß sie den Anblick der Wirklichkeit ertragen können. —

Das Wort der Alten: — „Wer Gott sieht, muß sterben!” — hat, für fast alle Menschen, seine tiefe Berechtigung, und selbst die winzige Gruppe wirklich Bereiteter muß sich diesem Satze beugen, wenn sie seine Wahrheit auch nur zu empfinden hat in abgeschwächter Form…

Ich bin ja, so wenig, wie irgend ein anderer Erdenmensch, wahrlich nicht Urheber dieser Gegebenheiten, sondern vermag nur, mitteninne stehend, sie zu bezeugen.

Daß menschliche Phantasie sich das alles auch anders „vorzustellen” vermag, ändert nicht das Geringste daran, daß die Wirklichkeit bleibt, wie sie ist, und daß sie nur ihrem eigenen, innewohnenden Gesetz entspricht.


Wenn ich hier zu warnen habe vor unberufenen Lehrern, so will ich doch, menschlich mitfühlend, hoffen, daß kaum ein einziger auch nur ahnt, was er seinen Gedanken da als Spielzeug überläßt.

Wirkliches Wissen um die in Jahrtausenden noch nicht aufzulösenden Folgen, würde auch selbst den gewissenlosesten literarischen Glücksritter unbedingt davor bewahren, die Erfindungen seiner Vorstellungskraft als Wahrbild der Wirklichkeit in Kurs zu bringen…
In Mythe und Sage, wie in Legenden und mancherlei Lehren alter Religionen ist dieses Wahrbild der Wirklichkeit noch zu finden, wenn es auch heute derart übertüncht und kerzenrauchgeschwärzt ist, daß wohl schon Mühe und Sorgfalt aufgeboten werden müssen um es noch leidlich zu erkennen.

Immerhin harrt hier Vieles noch der Entdecker, die mit kundiger Hand das heute fast Unerkennbare wieder sichtbar zu machen wissen, denn die Errichter der alten hohen Kulte wußten, daß „wer Gott sieht, sterben muß”, und schufen daher die Wahrheits-Bilder der Wirklichkeit, für alle, die ihren lebendigen Gott in sich selbst zu finden hofften, wo er nicht „gesehen”, — wohl aber in jedem Atom der Seele, in jeder Zelle des Körpers, empfunden werden kann: Segen, Kraft und Erleuchtung spendend. —

 

Auch der große Liebende, der Held von Golgatha, hatte Gott „gesehen”, als ein zu seiner Zeit dafür Bereiteter, — und da er wußte, daß er seinem Volke nur in Wahrheits-Bildern Anschauung der ihm bekannten Wirklichkeit vermitteln könne, lehrte er fast stets in Bild und Gleichnisrede.

Zuweilen aber suchte er auch Bild und Gleichnis noch zu übersteigern durch Worte, die seine Schüler kaum von ihm erwartet hatten.

„Du hast harte Worte, — wer kann sie hören!?”

So war es auch wirklich ein gar „hartes” Wort für sie, wenn der Meister mit mathematischer Schärfe lehrte:

„Das Reich Gottes ist in euch!”

Sie hatten sich das anders „vorgestellt”. —

Nicht weniger wurde es ihnen schwer, ihm zu folgen bei seinen Worten:

„Ich und der Vater sind Eines! Wer mich sieht, der sieht auch den Vater!”

Aber:

„Der Vater ist größer als ich!”

Fast beängstigend nahe kommen solche Worte an die Wirklichkeit heran, so daß sie gewiß den „Kleingläubigen” recht bedenklich erscheinen mußten, besonders, da sie ja noch nicht ahnen konnten, wie schön dereinst christliche „Gottesgelehrtheit” solche Sätze zu interpretieren wissen würde.

Man wird nun heute sehr bewußt wieder solche Interpretation vergessen müssen, will man die Sätze selbst erfassen lernen. —

Aber weit wichtiger als das selbstgesteckte Ziel: was von des hohen Meisters wirklichen Worten heute noch übrig blieb, auf rechte Weise zu deuten, ist die Umstellung des ganzen eigenen Erdenlebens auf das „Reich der Himmel” in uns selbst!

Auch wenn kein anderes Wort des großen Liebenden erhalten wäre, würde allein der Hinweis genügen, daß das wahre Reich der Himmel für jeden Erdenmenschen nur in ihm selbst zu finden ist, — so, wie gerade er es erleben, so wie gerade seine Kraft es erfassen kann. —

Hier aber hat sich denn auch jede Deutelsucht respektvoll fern zu halten!

Es handelt sich um das Reich der Himmel, — um das Reich der Welten wesenhaften, ewigen Geistes, — nicht etwa um ein frommes Gefühl vermeintlicher Gottwohlgefälligkeit! —

Und nur in uns selbst sind uns die Himmel offen, die uns ewig dereinst Heimstatt werden
sollen. — —

In uns ist der Eingang zu allen Geistesregionen, weil unser eigenes Geistiges von allen durchdrungen wird.

Doch auch in dir selbst wirst du nur in den „Himmel” aufgenommen, der deiner eigenen Bewußtseinsfähigkeit entspricht, die nur durch Tat und Wirken in der dir gemäßen Umwelt Signatur und Gradbestimmung sich verschaffen kann!

Sobald dereinst dein Erdenleib dir nicht mehr dienstbar ist, wirst du mit jenem „Himmel” dich begnügen müssen, dem dein Verhalten gegen dich und deine Nebenmenschen dich vereinbar werden ließ, und erst in irdisch unbegreifbar langen Zeiten wirst du derart zu wandeln sein, daß dir auch eine höhere Region der wesenhaften Geisteswelten dermaleinst erfaßbar werden kann.

Nicht nur dir selbst sollst du in diesem Erdenleben deine Kräfte, deine Macht und deine Sorge widmen, aber auch nicht nur den Anderen!

Auch hier mußt du mit unerbittlichen Gesetzen rechnen…

Je näher du der Harmonie, die geistiges Gesetz von dir verlangt, zu kommen weißt, desto mehr wirst du an Bleibendem gewinnen.

Möge es dir gelingen auch dein geistiges „Soll und Haben” derart in Ordnung zu halten, wie es der gute Kaufmann innerhalb der Welt der Erdenwerte von sich verlangt, dann wirst du gewiß das Werk deiner Erdentage niemals zu bereuen haben!

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