Wirklichkeitsbewußtsein

DAS GESPENST DER FREIHEIT

Fatamorgana.
Notwendigkeit.
Gemeinsamkeit.
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Schlagwortwahn.
Selbstdarstcllung.
Religion.
Wissenschaft.
Wirklichkeitsbewußtsein.


Wirklichkeitsbewußtsein

 

Jeder, seines Denkvermögens und der Sinne mächtige der Erdenmenschen, glaubt auf seine Art sich seiner selbst bewußt, da er um seinen Körper weiß, und um die durch Organe dieses Körpers wahrnehmbaren Reaktionen aus der Außenwelt, die ihn umgibt.

Des weiteren weiß jeder um den Namen, den ihm voreinst Andere gegeben haben, und kennt bis zu bestimmten Graden die Familienzweige, denen er, als Frucht der Einigung, sein körperliches Dasein zu verdanken hat, selbst wenn er eher denen fluchen möchte, die es ihm gegeben haben…

Er weiß um seine Stellung in der Welt, — weiß, was er tätig zu erwerben wußte, und was noch an Erwünschtem ihm versagt zu bleiben scheint.

Ganz sicher weiß er auch um seine Titel und Bevorrechtungen, falls ihm solche von Geburt an, oder im Verlaufe seines Erdenwandels dargeboten wurden…

Mit alledem jedoch weiß er noch keineswegs um seine Wirklichkeit, denn alles was er an sich kennt, ist nur zeitweilig Angenommenes, das mit ganz unbezweifelbarer Sicherheit dereinst ihm wieder abgenommen werden wird. — —

 
book 13 consiousness of reality
 
 

Es gibt jedoch etwas, das keiner anzunehmen, oder abzulegen braucht, da er es ewig war und ist und sein wird, selbst wenn er die Macht verwirkt, sich ewig mit dem so Bestimmten als identisch zu empfinden…

Es gibt etwas in uns, das nicht von dieser Erde ist, auch wenn es sich in unserem Erdendasein nur in erdenhaft bestimmter Form erfassen läßt. — —

Dieses gilt es zu ergründen!

Dieses, vor allem, gilt es an sich wahrzunehmen!

Wer dieses Eine nicht in sich ergründet hat, der ist gleich einem Bettler, der durch dunkle Gassen zwischen wohlverschlossenen Häusern irrt, und in Verzweiflung aufspäht zu den hellen Fenstern, die ihm zeigen, daß die Anderen ihr Fest begehen, — während er zu seinem Feste längst noch nicht „geladen” ist…


Es gibt so viele, die gleich einem solchen Fettler noch in „dunklen Gassen” irren, und sich in jeder „Kellerkneipe” seelischer Betäubungsgifte zu berauschen suchen, um ihr Elend zu vergessen, während andere sich seiner kaum noch schämen, und es brüsk zur Schau zu tragen trachten. —

Wenn Egoismus, guten Rechtes, als verwerflich gilt, soweit er Selbstbetonung ist die neben sich nichts gelten lassen will, so ist man doch versucht, nach ihm zu fragen, sieht man, wie so viele Tausende sich selbst „vergessen”, und wahrlich nicht, um Anderen dadurch zu nützen…

Eingekeilt in eine Masse, deren Einzelglieder, bis auf Wenige, die leicht zu zählen wären, längst schon sich „vergaßen”, und statt dessen sich genannt zu haben glauben, wenn sie ihre äußerlichen „Namen” sagen, gewahrt der Mitgerissene nur selten, daß er um sich selbst nicht weiß, und nur die zeitlich zugefügten bunten Fetzen kennt, die ihn „bezeichnen”. —

Es liegt wahrhaftig allzuviel Genügsamkeit in dieser Selbstaufgabe, nur um jener Anderen willen, die in gleicher Weise auch nicht um sich selber wissen!

Hier könnte Egoismus „Tugend” heißen, sofern der Einzelne, durch Sorge um sich selbst zum Anlaß würde, daß auch Andere Ermutigung empfingen, nach sich selbst zu suchen…

Fast bleibt es unbegreiflich für den Nüchternen, daß sich in diesem Erdendasein Millionen an dem Maskenkram berauschen, den sie sich ersonnen haben, weil sie nicht mehr wissen, wer sie sind!

Wo aber Wirkliches dem bloßen Anschein weichen muß, dort triumphiert in Sicherheit der Trug, — und selbst betrügt sich jeder, der nicht mehr weiß, wer er von Ewigkeit her ist!

Die höchste Ehrung, die das äußere Gemeinschaftsleben zu vergeben hat, kann immer nur wie eine Mantelhülle, oder wie ein Schmuck getragen werden.

Als was der Träger dann erscheint, das „gilt” er denen, die auf seine Ehrung „Wert” zu „legen” trachten, doch was er ist, wird keineswegs durch solchen Wert verändert. —

Fühlt er in dem ihm zugestandenen Gewände sich etwa erhabener, als in der Nacktheit seiner Menschentiergestaltung, dann lebt er nur in einer Traumwelt, als das arme Opfer der Hypnose seiner Eitelkeit, und ist noch himmelweit davon entfernt, auch nur zu „ahnen”, wer er ist! —


Aus längstvergessenem Bewußtsein seiner selbst erreicht den Erdenmenschen noch die leise Ahnung, daß alles, was ihn heute unfrei macht, ihm ungemäß, und nicht in seinem wahren Sein beschlossen ist.

So wird ein unbewußtes Streben zu sich selbst, verwandelt in den wohlbewußten Drang nach Freiheit.

Durch diesen Drang jedoch weiß hier, wie überall im Erdendasein, das Gespenst der Freiheit alsobald sich aufgerufen, um die Klarheit wachen Denkens zu umnebeln durch die Truggebilde gleißender Verheissungen, die nie Erfüllung finden können.

Nun sucht der Mensch auch hier nach einer „Freiheit”, die nicht in Notwendigkeit begründet ist, — und als die „Wirklichkeit” gilt ihm das Scheingebilde irgendeiner irren Theorie, das ihn von Tag zu Tag nur immer weiter von der Wirklichkeit hinwegverlockt.

Wenn nicht zuletzt noch schreckerfüllte Einsicht doch zur Umkehr zu bewegen weiß, dann ist das Ende eines solchen armen Wüsten Wanderers ein elendes Verschmachten seiner Seele, oder ihr Ersticken in den sturmgepeitschten Glutsandschwaden auferweckten Urzeitwahns…

Solchem Ende gilt es aber wahrlich doch zuvorzukommen durch die aus vernunftgemäßem Denken schon er schließbare Erkenntnis, daß sich wirklichkeitsgezeugte Freiheit nur erreichen läßt bei wacher Nüchternheit, die alle unbegründete Verheißung, mag sie auch die farbenprächtigste Gestaltung zeigen, all sogleich als leeren Trug durchschaut.

Wie sollte Freiheit eines Menschen Fundgut werden, der sich selbst in Fesseln legt um seinen instinktiven Widerstand zu überwinden, sobald ein wahngezeugter Spuk erregten Eigendünkel zu betören sucht!?

Wie sollte Freiheit zu erlangen sein für einen Menschen, der sich selbst die Ketten emsig schmiedet, denen er entfliehen möchte!? —


Alles Streben nach erahnter Freiheit aber gilt ja hier doch nur dem Wiederfindenwollen seiner selbst! —

Man wagt sich selbst nicht zu gestehen, daß man sich „verloren” hat, und so versteckt man seine Not denn hinter bitterlicher Klage um die Freiheit, die nur in Verlust geraten konnte, weil man in dem Maskenwogen äußerlichsten Geltungstriebes auch sich selbst verlor…

Zwar kennt man seine Maske noch, doch weiß man nicht mehr in dem Wirklichen bewußt zu werden, dem diese Maske nur als irdische Verhüllung dient! —

Und längst hat man sich so in seine Maske „eingelebt”, daß man sich selbst mit ihr identisch fühlt.

Man weiß nicht mehr, und will es nicht mehr wissen, daß man doch noch Anderes als seine Maske „ist”. — —

Zuweilen freilich kommen doch die Zweifel, — aber ist man nur erst wieder mitten in dem langgewohnten Mummenschanz, dann ist auch jede Frage bald verflogen, jeder Zweifel bald zerteilt!

Von Jugend auf daran gewohnt, sich immerfort in seiner Maske zu bewegen, fürchtet man, sie abzulegen.

In allen Spiegeln sah man sich bisher, wie man sich sehen wollte, und argwöhnt nun, sich selbst nicht mehr zu kennen, legte man die wohlvertraute Maske ab.

Es ist jedoch auch ganz unsagbar schwer, sich heute wieder unter seiner Maske zu entdecken!

Von allen PDF Seiten stürmen auf den Suchenden, der seiner Urnatur sich vergewissern will, die wunderlichsten Lehren, — meist aus unberufener Lehrer Munde, — ein, und alle treten mit dem Anspruch auf, als unbestreitbare, gewisse „Wahrheit” Anerkennung zu verdienen.

In allen diesen Lehren, ob sie nun die Weisheit alter Zeiten neu beleben wollen, oder den Gehirnen Heutiger erwachsen sind, — kann man gewiß auch manchen Niederschlag bedingter Wahrheit finden.

So manche Weisheitsworte sind da aufgezeichnet — neugestaltet, oder aus dem Schatze alter Völker übernommen, — die von jedem ehrlich Suchenden gewiß „erwogen” werden wollen.

Wie wenig aber hat das alles dennoch mit der Wirklichkeit zu tun, in der des Erdenmenschen stärkste, tiefstreichende Wurzeln gründen!? —


Wir müssen dieser Wirklichkeit in uns bewußt zu werden trachten, wollen wir nach den Jahrtausenden der steten Raubtierbalgereien um den Fraß, zuletzt denn doch noch Lebensformen Ausdruck schaffen, die uns zum wenigsten soweit erheben, daß des Menschen Nebentiere dieser Erde, — hätten sie des Menschen Urteils-Fähigkeit, — sich seiner nicht für alle Zeit zu schämen brauchten. — —

Um solches Wirklichkeitsbewußtsein zu erlangen, bedarf es weder einer Glaubenslehre, noch der philosophischen Systeme!

Noch keine Glaubenslehre wußte zu verhüten, daß die Menschen sich erschlugen, oder noch viel grausamer zerfetzten vor der endlichen Erlösung durch den Tod, als je ein Tiger seine Nahrungsbeute hungergierberauscht zerriß! —

Kein Denkergebnis aus der hochgemuten Hirnarbeit der großen Philosophen war imstande, Völker von der gegenseitigen Zerfleischung abzuhalten, sobald durch Haß und Neid und Herrschsucht in Dreieinigkeit, die Tierinstinkte überreizt, und die Gedanken dem Vernichtungstrieb verflochten wurden! —

Wir müssen tiefer graben, wollen wir die nährungsfrohe Erde in uns finden, in der wir Alle all verwachsen sind!
Wir müssen endlich tiefer denken, wollen wir auch die Bewußtheit in den Wurzeln unseres Seins erreichen, die erst erkennen lehrt, wie wir uns selbst die Lebensadern unterbinden, schnüren wir, im Trieb uns hochzuranken, Anderen den Lebenszustrom ab…

Voll Ehrfurcht müssen wir das Wirkliche in uns ergründen, um den „Grund” zu einer Willenswandlung zu erfühlen, die aller Erdenmenschheit unerläßlich bleibt, will sie nicht in rapider Rückbildung zu einem Schuttgezücht des Tiergestaltungswillens dieser Erde werden. — —

Der blutbesudelte, vom Schlammschleim der Verwesung überspülte Weg zu solcher Rückbildung in eine Tierart, der die Urwaldaffen dermaleinst als hohe „Götter” gelten müßten, ist leider heute schon von Scharen selbstbetörter Erdenmenschen längst beschritten, so daß es wahrlich an der Zeit ist, laut vor der Gefahr zu warnen, die durch kein Verlachen aus dem Munde tollen Irrmuts aufzuhalten ist! — —


Willst du, der diese Worte liest, zu Wirklichkeitsbewußtsein kommen, dann mußt du jegliche Vermutung fahren lassen, als sei das hier dem Streben deines Willens dargezeigte Ziel etwa erreichbar durch absonderliche Hirnverrenkung, oder irgendwelche Akrobatenkünste der Gedanken, bei denen meistens der vermeintliche „Beherrscher” des Gedankenlebens zum Beherrschten wird: — besessen von dem Wunschgedanken nach geheimer Macht!

Du mußt auch keineswegs ein Wissen dir erwerben, wie es Wissenschaft verlangt!

Wer das Bewußtsein seiner Wirklichkeit in sich zu suchen unternimmt, der kann nur dann zu dem von ihm erstrebten Ziele kommen, wenn er vom Anfang an den Weg verfolgt, den ihm die Wirklichkeit in seinem Erdendasein dargeboten hat.

Hier gilt es nicht, in Parallele zu der Frage des Pilatus, nun die Frage aufzuwerfen: „Was ist Wirklichkeit?” —

Wir wollen das getrost den „Neunmalweisen” überlassen, die beim zehntenmale stets zu Toren werden!

Hier soll dir vorerst das als „wirklich” gelten, was auch ein Kind als seine Wirklichkeit empfindet!

Benenne ruhig diese „Wirklichkeit” mit Worten, die dir deine Schulung an die Hand gab um der Unterscheidung der im Denken nötigen „Begriffe” willen!

Auch wenn du solcher Unterscheidung denkgeübter Meister bist, wirst du dein intellektuelles Wissen wahrlich nicht zu opfern brauchen, denn auch die Auswirkung der Wirklichkeit darf um des hier erstrebten Zieles willen einmal hingenommen werden als das erdensinnlich faßbar „Wirkliche”…

Auch wenn du nicht mehr „wirklich” nennen magst, was deine Körpersinne dich erkennen lassen, so bleibt doch dieses körpersinnenhaft Erkannte Ausgangspunkt für den Begriff der Wirklichkeit, wie hoch du ihn auch denkend überhöhen mochtest. —

In gleicher Weise muß dir jetzt das erdensinnlich „Wirkliche” zum Ausgangspunkte deines Weges werden!


Das allernächste erdensinnlich „Wirkliche” ist dir dein eigener Erdenleib, und nur von ihm aus wirst du sicheren, geraden Weges weiterkommen, willst du schließlich auch das absolute Wirkliche erreichen. — —

Es ist ein ziemlich langer Weg, den du bedachtsam und gemessenen Schrittes nun erwandern mußt!

Das Ziel jedoch, dem du auf solche Weise immer näher kommst, wird dir auch Kraft verleihen, auf dem Wege auszuharren. —

Beginne mit der Sicherheit, die jedes menschliche Bestreben fordert, wenn man es erfolgreich einstens enden will!

Auch hier gilt jene alte Sprichwortweisheit, daß nichts schwerer, als der Anfang ist.

Es steht dir aber frei, die Weise des Beginnens selber zu bestimmen.

Verlangt wird nichts von dir, als daß du deinen ganzen Körper von den Füßen bis zum Scheitel in dein Selbstbewußtsein aufzunehmen suchst!

Du wirst zwar meinen, das sei längst geschehen und bedürfe keiner Mühe mehr, — allein, du darfst mir dennoch glauben, daß du sicherlich dich irrst!

Wenn du den Weg der hier beschritten werden soll, noch nicht betreten hast, dann weißt du noch nicht, was er von dir fordert.

Es ist ein Anderes, ob deine Körperzellen dir gehirnbewußt sind, oder ob dein ganzer Erdenleib durchströmt von deinem Selbstbewußtsein ist!

Was hier Notwendigkeit verlangt, erfordert vieles Mühen, äußerste Beständigkeit und unermüdbare Geduld!

Dann aber wirst du auch dein Ziel mit aller Sicherheit erreichen, und endlich angelangt, wird all dein Mühen dir nur als ein gar geringer Preis erscheinen für den unverlierbaren Gewinn, den du errungen hast!

Die höchste Form der Freiheit hast du im gesicherten Bewußtsein deiner ewigkeitsgezeugten Wirklichkeit erreicht, und schaudernd nur wirst du der Tage noch gedenken, die auch dich voreinst inmitten der Betörten sahen, denen ein Gespenst aus Grüften irrenden Verlangens für die heißersehnte Freiheit galt…