Notwendigkeit

DAS GESPENST DER FREIHEIT

Fatamorgana.
Notwendigkeit.
Gemeinsamkeit.
Autorität.
Parteisucht.
Fehlwirtschaft.
Konkurrenz.
Schlagwortwahn.
Selbstdarstcllung.
Religion.
Wissenschaft.
Wirklichkeitsbewußtsein.


Notwendigkeit

 

So hoch den alten Griechen ihre Götter stehen mochten, so kannten die Weisen jener Tage doch noch ein höheres, geheimnisvolles Prinzip, dem sie auch die Götter unterordnet dachten: — „Ananke”, = die Notwendigkeit.

Wer sich abkehren will von der „Fatamorgana” allerwärts wechselnden, wesenlosen Scheines der Freiheit, — wer dem Gespenst der Freiheit endlich die Gefolgschaft aufsagt, — der mag hier verweilen.

Die Weisheit der Alten dürfte auch seiner Seele noch erfühlbar sein…

Sicherlich suchte er ja die wirkliche Freiheit, als er vormals ihrem Gespenst begegnet war, dem er nur deshalb seinen Glauben dargab, weil er es für die heißerstrebte, wirklichkeitsgezeugte Freiheit hielt.

Will er nun endlich das Kennmal wirklicher Freiheit erfahren, dann wird es ihm aufleuchten hier in ungeahnter Helle, sieht er die Menschen der Vorzeit ihre Götter: — die Freiesten der Freien, — unterordnen der Notwendigkeit. — —


Eilfertig weiß das hirngeborene Gespenst stets das Kennmal der wirklichen Freiheit zu beschatten, und mit blendenden Bildern die wahnwirre Hoffnung zu wecken, daß Freiheit auch frei zu machen vermöge von aller Forderung des Gebotes der Notwendigkeit…

Wirkliche Freiheit aber erwächst nur aus dieses Gebotes vollkommenster Erfüllung!

Es ist noch keiner wirklich frei geworden, den die Notwendigkeit nicht „freigesprochen” hätte! —

Wem aber das Trugbild als gleichen Wertes wie die wirkliche Freiheit gilt, der ist wahrlich der Freiheit nicht wert!

Frei sein, heißt denken, reden und handeln, wie Notwendigkeit es will, — und seine Not zu wenden, weiß, wer solcherweise Freiheit sich erwirkt! —

Wahrhaftig! — keine Macht wird ihm die so erwirkte Freiheit jemals wieder rauben können!

Wenig aber ahnen die Gespenstgeblendeten von dem, was solche Freiheit einem, der sie zu erlangen wußte, dann erschließt. — —


Notwendigkeit ist nicht „Zwang”, — sonst könnte ja wahrlich Keiner ihr entgegenwirken!

Notwendigkeit ist das höchste, geistige Ordnende im Menschen, wie in allem Leben, und das eben wollten die Alten bekennen, wenn sie „Ananke” noch über die Götter stellten! — —

Zwang ist nur irdisch bedingte Gewalt: — das wahre Zerrbild der Notwendigkeit!

Zu gar manchem kann man dich, und kannst du Andere zwingen, was gewiß nicht der Notwendigkeit entspricht. — —

Notwendigkeit ist die gesetzte Ordnung des Allgefüges, dem der Einzelne einbezogen ist.

Keiner kann diesem Gefüge und seiner Ordnung sich auch nur für Augenblicke entwinden, mag er auch alles für seine Vorstellung zu negieren suchen, außer sich selbst!

Stets bleibt er in Wirklichkeit mit dem unermeßlichen Ganzen vereint, — schädigt sich selbst, wenn er diesem Ganzen nicht entspricht, und schädigt das Ganze, wenn er sich selbst nicht aus innerer Ordnung zu entfalten weiß. —

Nur das wirkliche Geschehen aber ist hier entscheidend!

Der Träumer, der in seiner Höhle sitzt und seine Phantasie erhitzt bis sie ihm jedes Geisterreich nach Wahl in seiner Vorstellung erstehen läßt, — der vornehme Aesthet, der sich von allem äußeren Getriebe sondert um nur „in Schönheit” zu leben und alltagsferne seine Wortewelt zu gebären, — sie gelten dem unermeßlichen Ganzen gleichviel wie der brutale Genüßling, der nur seinen stets erregten Tiersinnen dient. — —

Der solchermaßen Wahnbetörten „Wirklichkeit” ist nur ein armer Mensch, der seiner Eigensucht erliegt, und nicht erfüllt, was „Ananke”: die über allen Göttern alles Leben ordnende Notwendigkeit, von ihm verlangt. —

Wesenlos bleibt, was immer er sich schuf als seine Eigenwelt, mag es ihm auch gelingen, ihr in tausenden von anderen Menschenhirnen Widerspiegelung zu schaffen!

Es ist nichts Wirkliches damit erreicht!


Willst du zu wirklicher Freiheit kommen, so mußt du erfüllen, was Notwendigkeit jeweilens dich erfüllen heißt!

Das Gespenst der Freiheit wird dich erregen, so daß deine Phantasie alles Denken überspannt!

An dich und Andere wirst du Forderung stellen, die nicht in Notwendigkeit begründet ist, sondern im Zwang deines „überspannten” Denkens…

Weil du zu viel „verlangst”, kannst du nichts, oder allzuwenig nur „erlangen”, und was du dir, giertriefend, dann etwa zu rauben suchst, wird dir alsbald von denen wieder abgenommen, die vordem deine Gefährten waren…

Der Maßstab der allein für alles Leben gilt, geht Allen verloren, die in wilder Hast dem Gespenst der Freiheit folgen!

„Berechtigt” nennst du deine Kritik, — aber wo in dir willst du ein Recht zur Verwüstung
finden? — —

Kritik ist wie eine Sturzflut, die herab von eisigen Gletschern fällt.

Man muß ihr Dämme bauen, wenn sie Segen bringen soll! —

Es ist begreiflich, daß du alles um dich her nach deinem Wunsch geordnet sehen möchtest, — aber bist du denn selbst bereits in dir geordnet?!?

Wie kannst du erwarten, daß das Ganze, dessen winzige Zelle du darstellst, sich allein nach deinen Wünschen richten könne?!?

Du wirst erst dann erkennen lernen, was dir zum Heile dient, wenn du der Notwendigkeit vertrauen lernst!

Sie nur kann dich lehren, was dir dauernd erhalten bleibt, wenn du es einmal erlangtest!

Erfüllung des Gebotes der Notwendigkeit kann dir allein die wirkliche Freiheit bringen, nach der du dich sehnst, auch wenn du noch befangen bist im Wahn, daß Freiheit sich als Willkür dir zu eigen geben müsse. — —


Grau und düster wurde das Leben noch allenthalben, wo man Freiheit verlangte, ohne Erfüllung des Gebotes der Notwendigkeit!

Grinsend erhebt sich sodann der Freiheit wesenloses Gespenst über weite Lande und vergiftet mit seinem lebenertötenden Hauch alle Keime wirklichen Freiheitswillens. —

Alle Tragkraft der Seele übersteigt die Verantwortung derer, die es, — wenn auch guten Glaubens, — auf sich nehmen, Andere einem Trugbild zuzuführen, das in solche Verzweiflung lockt! — —

Untragbar aber ist auch schon des Verlockten Verantwortung, der nicht zu widerstehen wußte, wenn ihm Unmögliches verheißen wurde, obwohl er wahrlich wissen konnte, daß doch alles, was sich jemals hier auf Erden nicht der Fügung einzufügen strebte, die Notwendigkeit ihm darzubieten hatte, unweigerlich zugrundegehen mußte, mochte auch irdischer Zwang der Zersetzung oft noch eine Weile wehren…

Notwendigkeit rechnet mit anderen Zeitwirklichkeiten als jenen, die einem Erdenmenschenleben überblickbar werden können! —

Niemals kann sie sich „verrechnen”, denn sie ist Wert und Inhalt aller Zahl!

Alle Wirklichkeit im irdischen und übererdenhaften Dasein ist in ihr begründet!

Sie trägt das Firmament der Sonnenschwärme, und ihre ordnenden Gewalten geben jedem Sandkorn in der Wüste Maß und Form!

Vergeblich sucht der Mensch nach einer Quelle erdenhaften Heils, die ohne „Fassung” solcher festen Fügung, dauernd fließen könnte! —

Vergeblich strebt nach Freiheit, wer sie anders sucht, als in Erfüllung aller Forderungen der Notwendigkeit!

Nicht nur die Götter müssen sich „Ananke” beugen, sondern auch — der Erdenmensch…