Fatamorgana

DAS GESPENST DER FREIHEIT

Fatamorgana.
Notwendigkeit.
Gemeinsamkeit.
Autorität.
Parteisucht.
Fehlwirtschaft.
Konkurrenz.
Schlagwortwahn.
Selbstdarstcllung.
Religion.
Wissenschaft.
Wirklichkeitsbewußtsein.


Fatamorgana

 

Nicht von der wirklichen Freiheit, so wie sie Dichter und Helden fand, soll hier vornehmlich jetzt die Rede sein, — mögen auch Dichter und Helden oft, wenn auch unwissentlich, gerade für das gestritten und gelitten haben, wovon wir hier zumeist nun reden müssen um der Wahrheit willen!

Nicht das erstrebenswerte Ziel des Sehnens aller, die sich unfrei fühlen, soll hier nun etwa der Entwertung dargeboten werden, — sondern das Spottbild will ich unerbittlich aufzulösen suchen, das, mehr als je, die Freiheitsdurstigen in unseren Tagen narrt. —

Hier ist nur zu helfen durch Erhellung, und nur lebendigem Lichte kann es noch gelingen, einen Trug tagwacher Träume zu zerstören, der, — getragen von den schwülen Dünsten allzuerdenhaften Hoffens und Verlangens, — tagtäglich unzählige Opfer in die hoffnungslose Öde grauenvoller Wüsten lockt.

Aber auch weiterhin wird die Wahrheit gelten, daß nur denen zu helfen ist, die sich raten lassen, und so wird denn gewiß mein Wort nur dort allein zu helfen wissen, wo der Wille bereit ist: — mir zuzuhören…

Weltwende wirkt das Wort, wo es wachen Willens erworben wird, aber wenig vermag es der Seele zu vermitteln, wo Widerstand weisen Erwerb verwirkt!

 

 

Nicht immer zeugt es von Klugheit, wenn sich das Ohr warnendem Worte verschließt, und es ist gewiß kein Zeichen tieferer Einsicht, sich von Unerwartetem wegzuwenden.

Manches werde ich sagen müssen, was manchen wenig genehm zu Ohren klingt, und von Dingen werde ich zu reden haben, die heute den Allermeisten undinglich wurden.

Aber nicht alles, was den Einen unerfaßlich ist, muß darum den Anderen unbegreiflich bleiben, und es ist wahrhaftig kein Wahrmal der Wirklichkeit, daß sie auch denen gefallen müsse, die lieber träumen, wo sie denken sollten, so daß sie erkenntnisblind werden für alles was die Höhe ihrer Träume überragt.



Nur solche Wüstenwanderer, die selbst den Weg zur Oase kennen, werden das Blendwerk der Luft in den heißen Dünsten rieselnden Sandes von der vertrauten Wirklichkeit zu unterscheiden wissen.

Mag auch die Reisekarawane, die ein Wüstenkundiger führen soll, schier unabsehbar sein, so fällt doch aller Neulinge Meinung nicht ins Gewicht gegenüber dem Wissen aus Erfahrung, das den Sicheren zwingt, das Frohlocken zu dämpfen, und als Trugbild zu erklären, was nur Trugbild ist…



Ich weiß hier Bescheid und weiß zu raten und zu helfen, denen, die sich noch raten und helfen lassen wollen!

Wem meine Worte etwa „überheblich” klingen mögen, der kennt mich noch nicht!

Ihm bin ich zu sagen gezwungen, daß ich aus Ländern der Seele komme, in denen keiner der daselbst bewußt Lebendigen, gesonderter Erkenntnis sich vor Anderen rühmen könnte.

Im gleichen Lichte lebend und bewußt, wäre uns jegliches Streben nach Vorrang voreinander arge Torheit!

Um wieviel mehr aber müßte es mir als ärgerliche Torheit gelten, wollte ich mich vor denen brüsten, die noch nicht in den Ländern des Lichtes lebendig sind!

Ich würde aber zum Lügner, wollte ich zu verbergen suchen, daß mir noch Anderes allzeit gegenwärtig ist, als all das, was mir hier auf Erden nicht näher und nicht ferner steht, wie allen meinen Nebenmenschen. —



Millionen sind in diesen Tagen des Glaubens, daß ihnen nichts anderes zu ihrem Glücke, als nur „die Freiheit” fehle.

So denkt nicht nur der Sträfling in seiner Zelle, — so denkt auch der Fürst, der sich mancher Freiheit begeben mußte, die seine Vorahnen voreinst genossen. —

Aber fast alle sehen nur ein Gespenst der Wüste locken, das jeden zur Beute „wilder Tiere” werden läßt, der ihm guten Glaubens folgt…

Wo leider so Viele eines Glaubens, eines Hoffens und einer Liebe sind, dort wird es dem Einzelnen schwer, die Täuschung zu durchschauen, und nur zu willig läßt er sich verleiten durch die Allgewalt des Massenwahns.

Des Un-Heils wahrlich genugsam kundig, trachtet der Mensch danach, den Ausweg zu seinem „Heil” zu finden, und „heilig” wird ihm auch jedes Truggebilde, das ihm gleißend verheißt, ihn zu seinem Heil zu führen.

So kam das Gespenst der Freiheit in der Menschenwelt zur Macht, und droht schon fast alle in die Irre zu führen, die nach wirklicher Freiheit streben.


Gar unbestimmt, und nach Weise der Wolken nebelhaft zerfließend, ist das Scheingebilde, ‘das heute den Meisten als „die Freiheit” gilt.

Wirkliche Freiheit aber tritt nur klar und bestimmt in Erscheinung, denn sie bedarf gefestigter Form!

Nur in solcher Selbstfassung vermag es echte Freiheit, zu bestehen und befreiend zu wirken!

Nicht in Form gefaßt, würde sie sich selbst aufzehren.
„Grenzenlose” Freiheit wäre identisch mit Selbstvernichtung des Freien. —

Freiheit, die nur Begriff bleibt und nicht erfühlt werden kann, ist wertlos für den Menschen!

Erfühlen läßt sich aber nur Begrenztes. —

Nur Grenze verleiht Form, und nur vor wohlbegrenzter Form bleibt Fühlen behütet vor dem Zerfließen.

Form ist Ausgleich zwischen allem „Zuviel” und allem „Zuwenig”.

Wo wirkliche Freiheit herrscht, dort kann nicht die Rede sein von „zuviel” oder „zuwenig Freiheit”, denn „zuwenig” würde ihr Dasein ebenso verneinen, wie „zuviel”…

Wo solches Messen noch möglich ist, dort herrscht nur das Gespenst, dem der Mensch die Macht „zumessen” kann nach seiner Willkür. —


Wirkliche Freiheit ist niemals Selbstzweck!

Wirkliche Freiheit empfängt allen Wert von den Zwecken, denen sie dient!

Wirkliche Freiheit ist die Frucht erfüllter Notwendigkeit und soll dazu dienen, Höheres als Freiheit zu erreichen!

Niemals wirft sich Freiheit zur Herrin des Willens auf, denn Freiheit ist Dienst am Willen!

Das Gespenst der Freiheit aber sucht des Willens Unterjochung, strebt allen Willen aufzusaugen, um selbst in der Macht zu bleiben…

Das Gespenst der Freiheit zeugt in allen die ihm folgen: tolle Sucht ins Grenzenlose!

Das Gespenst der Freiheit zersetzt alle Fähigkeit, Form zu empfinden!
So zerstört es alle Sicherheit des Erkennens, denn nur wo Form empfunden wird, ist Erkenntnis möglich…

Nicht umsonst aber sprachen die alten Weisen von der „Nichterkenntnis” als von einer „Schuld”, — auf welches Wort ich auch an anderer Stelle schon zu achten lehrte…

Schuld entsteht, wo gegebene Kraft dem Eigner oder seinen Mitgeschöpfen Schaden schafft, sei es durch Mißbrauch, oder aber Unterlassung rechter Anwendung!

Wer somit dem Trugbild, dem er sich versklavte, weiterfolgt, obwohl ihn meine Worte weckten, selbst sich die Gewißheit zu verschaffen, daß ihn nur ein „Gespenst” zum Narren hält, der wird sich schwerlich ledigsprechen können von eigener Schuld…

Da alle Schuld jedoch stets ihre Folge fordert und mit aller Sicherheit erzwingt, so wird er sich nicht wundern dürfen, wenn sich ihm die durch ihn selbst gerufene Folge an die Fersen heftet, und ihn vielleicht gerade dann erreicht, wenn er zu greifen glaubt, was nur die Spiegelung der Dünste dürren Denkens in leerer Luft: — spekulatives Traumbild, — — „Fatamorgana” war. —