BEGINN

Bo Yin Ra Das-Geheimnis PDF

DAS GEHEIMNIS

Beginn.
Das Gespräch am Strande.
Santo Spirito.
Südliche Nacht.
Die Felseninsel.
Die Fahrt auf dem Meere.`
Nachwort.





 

 

Allen Suchenden der Welt!

BEGINN

 


SUDLICHER Sonne greifbares, lagerndes Licht hatte die Augen der drei Wanderer also der Helle trunken werden lassen, daß sie zuerst wie geblendet standen und in dem dunklen Gastraume der ländlichen Osteria nichts als tiefe Finsternis gewahrten.
Drinnen aber hatte man die Eintretenden bereits als vornehme Reisende erkannt und so kam es, daß etwas wie jäher Schreck sie durchfuhr, als plötzlich aus der Tiefe des Raumes die polternden Tonkaskaden des landesbeliebten Drehorgelklaviers ihnen in burleskem Pathos entgegenschallten.
Zugleich auch löste sich aus der Düsternis eine große massige Gestalt, die ihnen beide Hände zum Gruße bot.
Es war zwar zu bemerken, daß die Gestalt so etwas wie Worte der Begrüßung sprach, und nicht wenig stolz zu sein schien auf den lärmenden Empfang, den sie den Reisenden bereiten ließ, allein hier ging jedes Wort der klangreichen Sprache des Landes in einer Sturmflut tollen Geklimpers und bumsender Paukenschläge, prasselnder Trommelwirbel unter.
Durch Zeichen nur konnten die Gäste ihrem fettbäuchigen Gegenüber, in dem sie den auf merksamen „Padrone”, den Gastwirt, erkannten, allmählich begreiflich machen, daß er den wilden Lärm doch endlich beseitigen möge, und nach dem der Verstehende schweren Schrittes wieder in der Finsternis verschwunden war, riß plötzlich das Tongewirre mitten entzwei.
In der überraschenden Stille hörte man den Alten Befehle erteilen, auf die eine klare Knabenstimme gehorsame Antwort gab.
Alsbald gewahrten die nun mehr und mehr an das Dunkel gewohnten Augen der Reisenden denn auch den unschuldigen Verursacher so grausamen Lärmens, wie er — ein behender schwarzer Krauskopf der etwa elf oder zwölf Jahre zählen mochte — noch ganz erhitzt von dem eifrigen Drehen des Schwungrads seiner tumultuösen Maschine, bestrebt war, die Krümel der Mahlzeit früherer Gäste von dem grünen Tuche wegzublasen, das den zunächst stehenden Tisch bedeckte.
Nun erst konnte man auch dem in schwer fälliger Grandezza dienernden Padrone seine Wünsche nach einfacher, landesüblicher Erquickung vermitteln und es dauerte nicht mehr lange, da saßen die drei Männer auf den strohbeflochtenen primitiven Stühlen um den grünen, mit unzählbaren Spuren vergossenen Weines und Olivenöles gesprenkelten Tisch, vor sich die schilfumhüllte langhalsige Flasche, deren vorzüglicher Inhalt: ein tintig dunkler Chianti, bereits die kleinen Wassergläser füllte.
Käse, Oliven und weißes Brot, jeweils alles zusammen auf drei altersgrauen Steinguttellern, bildeten das ersehnte Mahl.
Der Padrone und sein kleiner Sohn waren nach der Bereitstellung dieser Genüsse diskret in unbekannte seitliche Schlupfwinkel verschwunden; man aß und trank und fand sich zuletzt sehr angeregt, das beim Eintritt in diesen Gastraum abgebrochene Gespräch nun fortzusetzen.
Süßlich aromatischer Duft orientalischer Zigaretten erfüllte bereits das niedere Gewölbe und dünne Streifen bläulich-weißen Rauches umzogen spielend den ragenden, bastumschnürten Hals der Chiantiflasche.
So war die Atmosphäre zu gewissen träumerischen Betrachtungen recht geeignet.
Man glaubte alsbald zu fühlen, daß sich hier wohl besser über alle die mysteriösen Dinge reden lassen wollte, über die man vordem nicht ins Reine gekommen war, als draußen im allzu unbarmherzig klaren Sonnenlicht.

*
 
THE BEGINNING

 

„Ich bleibe bei meiner Behauptung” begann der älteste der drei Männer, „und wenn mir selbst auch jede diesbezügliche Erfahrung fehlt, da ich nie dergleichen erlebte, so zeugen mir doch namhafte Gelehrte fast aller Kulturnationen genugsam dafür, daß an diesen Erscheinungen, die uns moderne Menschen wie Spukszenen aus alten Märchen anmuten, irgend etwas Wahres sein muß.
Unmöglich können diese nüchternen Experimentatoren, die oft sogar mit Hilfe feinempfindlichster Instrumente – ganz abgesehen vom photographischen Apparat – solche Phänomene prüften, allesamt einer groben Täuschung erlegen sein!”
Der Jüngste, ein Mann von etwa dreißig und einigen Jahren, entgegnete mit leichter Unruhe in der Stimme:
„Gewiß sind Sie im Recht, und ich sagte Ihnen ja schon vorhin, daß alle Zeugnisse der Wissenschaft, so wichtig sie Ihnen auch erscheinen mögen, für mich ganz überflüssig sind, denn es begab sich einst in meinem Leben, daß ich alles das, wovon Sie uns vorher auf Grund der von Ihnen eingesehenen Berichte erzählten, selbst zu erleben Gelegenheit fand; – ja ich vermisse in Ihren Berichten noch gar Vieles, das weit staunenerregender sich anhören ließe und das ich dennoch selbst erlebte!”

*

„Wenn ich Sie nicht als einen Menschen kennen würde, der mit beiden Beinen so fest auf unserer geliebten lachenden Erde zu stehen weiß”, wandte der dritte nun ein, der, von fester, gedrungener Statur, ganz wie ein biederer italienischer Landpfarrer wirkte, „so müßte ich wahrhaftig glauben, mein junger Freund, Sie seien da die Beute recht gefährlicher Halluzinationen geworden!
Ich begreife es, offen gestanden, nicht, daß ein Mensch wie Sie, der doch garnichts vom tagfremden Träumer an sich hat, allen Ernstes die spukhaften Phänomene, von denen unser lieber alter Bibliothekar da so viel zu erzählen weiß, für bare Münze nimmt, und nun gar noch selbst behauptet, dergleichen sei ihm nicht unbekannt!
Aus Ihnen wird man überhaupt nie recht klug!
Bald geben Sie sich ganz wie ein Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, den man auch den realsten Problemen gegenüber vernünftig urteilen hört, und dann wieder könnte man denken, man hätte irgend einen indischen Dschungelfakir vor sich, der nichts von der Welt kennt, oder einen wiedergekehrten Mönch aus einer mittelalterlichen Klosterzelle – obwohl Sie doch sonst wirklich mit der Weltflüchtigkeit solcher Menschen nichts gemeinsam haben!” –

*

Da der Weißbärtige, der sich mittlerweile eine Virginia angezündet hatte aus der er dicke Rauchwolken sog, augenscheinlich jetzt lieber zuhören als reden mochte, nahm der Jüngere wieder das Wort und sprach:
„Wohl kann ich es begreifen, daß manches an mir Ihnen widerspruchsvoll erscheint, aber andererseits finde auch ich keinen Grund, weshalb ein Mann, der so das Leben kennt wie Sie, gerade vor allem übersinnlichen sich der Klarheit seines Blickes selbst beraubt, nur weil es ihm nun einmal als ausgemachte Tatsache gilt, daß es derlei Dinge nicht geben könne!
Warum versuchen Sie nicht selbst diesen Dingen auf den Grund zu kommen, oder sich wenigstens zu überzeugen, daß Andere einwandfreie Beweise erhielten?!
Mir scheint solche voreingenommene Skepsis wieder sehr schlecht zu Ihrem sonstigen Wesen zu passen, nachdem Sie mir doch oft genug erklärten, daß nur Erfahrung Ihnen als ausreichender Grund für jede Erkenntnis gelten könne! –”

*

Und der Andere gab ihm die Antwort:
„Ja, wenn es hier Erfahrungen zu machen gäbe, die man jederzeit nachprüfen kann!
So aber braucht man zu alledem, was Ihr hier Erfahrung nennt, die seltsamste Vorbereitung und weiß hinterdrein immer noch nicht, ob man nicht doch genarrt wurde!
Außerdem aber ist mir dieser ganze Erfahrungskomplex in tiefster Seele zuwider!
Was kommt denn bestenfalls dabei heraus?!–
Angenommen, Sie selbst und die Gewährs männer unseres verehrten Freundes seien tatsächlich nicht getäuscht worden, so werden Sie mir doch zugeben, daß alle die berichteten Phänomene außerordentlich a1bern und praktisch wertlos sind!
Was soll mir zum Beispiel ein tanzender Tisch, der gelegentlich auch nach dem Alphabet ganze Predigten herunterklopft?
Mir ist ein Tisch der feststeht, wie dieser hier, entschieden lieber und es scheint mir mehr der Natur eines Tisches zu entsprechen, festzustehen, statt zu tanzen!
Will ich aber eine fromme Predigt hören, so gibt es dazu alle Sonntage bessere Gelegenheit; und wenn der Prediger dann nichts taugt, so weiß ich doch wenigstens mit wem ich eis zu tun habe!
Meinetwegen mag es Kräfte geben, die ihrer selbst bewußt sind und sich herbeilassen, auf Wunsch Tische tanzen zu lassen oder salbadernde Offenbarungen zu klopfen, – dann aber verbitte ich mir das Eindringen dieser Herrschaften in meinen wohlgerundeten Lebenskreis, und wenn es ihnen jemals einfallen sollte, ihn stören zu wollen, ohne gerufen zu sein, dann bin ich überzeugt, daß ich ihrer Herr werde!
Besser mit Kindern ‚Blindekuh’ spielen, als dieses Gelichter, falls es wirklich existiert, auch noch selbst herbeizurufen!
Und was ist’s mit all den anderen Phänomenen?
Da sitzt, nach den Erzählungen, so irgendein armer Kerl, oder ein halbhysterisches Frauenzimmer – Eure sogenannten .Medien’ – die halbe Nacht, in einem mehr oder weniger seiner Sinne gerade noch mächtigen Zustand, vor Stößen von Schreibpapier und bewundert erstaunt was seine Hand automatisch niederschreibt als Kunde aus der ‚Geisterweit’, oder gar als angebliche ‚göttliche Offenbarung’ . –
Bei Licht besehen ist dann das ganze Elaborat eine Beispielsammlung von Plattitüden, oder, wenn es hoch kommt, ein Sammelsurium aus allerlei frommen Traktätchen und halbverdauten philosophischen Brocken.
Ich muß sagen, daß mir keine Höllenstrafe die sich die Alten ausgedacht haben, so entsetzlich erscheinen kann wie die Vorstellung, ein Mensch, der ein halbwegs anständiges Leben hinter sich hat und dann für immer die Augen schließt, könne im Jenseits auf diese Weise zur Freibeute irgendwelcher Leute unter den Zurückbleibenden werden, denen an der Erlangung solcher Botschaften gelegen ist!
Geradezu gotteslästerlich aber wird die Sache, wenn derartiges Zeug, als göttliche Offenbarung ausgegeben, die Gehirne benebelt!
Zum Teufel, wo er hingehört, mit einem ,Gott’, der nichts Besseres zu sagen hat und diese Irrlichtereien braucht um sich mitzuteilen!

Was Euch aber offenbar am meisten imponiert : diese physikalischen Kunststücke und das Materialisieren menschlicher Formen, so fällt das für mich am allerwenigsten ins Gewicht, denn hier kann ich als Physiker auch noch mitreden, und wenn ich einmal annehmen will, daß keine Beobachtungsfehler vorliegen, daß Ihre ,Medien’ auch nicht schwindelten, dann stehe ich hier bestenfalls vor Bekundungen eines noch unentdeckten Teiles der physischen Welt, aber keines wegs habe ich es mit dem ,Geisterreich’ zu tun!
Wenn ich es nicht verstehen kann, daß ein vernünftiger Mensch mit gesunden Sinnen dieses Pseudogeistertheater ernst nimmt, so soll dies durchaus kein Leugnen der beobachteten Erscheinungen sein.
Ich verwahre mich nur gegen die Erklärung dieser Manifestationen, als seien es Zeugnisse für die Existenz einer geistigen Welt, und es ist mir unfaßbar, wenn ein Mensch mit einiger Kritikfähigkeit hier nicht merkt, woran er ist!
Ich bin wirklich keinem religiösen Dogma mehr verpflichtet, aber gegenüber der Begriffs verwirrung die dieses angeblich ‚nachweisbare’ Jenseits Ihrer okkulten Phänomene anrichtet, erscheinen mir doch die frommen Geschichten, die meine Kinderzeit mit Poesie und himmlischem Glanz umgaben, voll reinster Weisheit!
Welcher Wust von Aberglaube wird da heute für den kernhaften frommen Glauben der Alten eingetauscht! – –
Wenn ich mich nicht mit den okkulten Phänomenen beschäftige, mein junger Freund, so geschieht es wahrhaftig nicht aus Ignoranz, sondern weil mir das Zeug zu dumm ist, weil ich Besseres zu tun habe, als die Offenbarungen derartiger ‚Geister’ zu erforschen!
Ich trage in mir eine zu hohe Vorstellung vom menschlichen Geiste, als daß ich ihn eines solchen Verkommens für fähig halten könnte, wie es nötig wäre, wenn diese Theorien stimmen würden, und wir hätten es bei irgendwelchen okkulten Phänomenen mit den Geistern ehemaliger Erdenbewohner zu tun!
Ich bin kein Theologe und weiß infolgedessen auch nichts mit den Formeln anzufangen, mit Hilfe derer man die Gottheit analysieren zu können glaubt wie ein chemisches Präparat, aber: ich glaube ,Gott’ in mir zu fühlen, und darum erscheint es mir wie die greulichste Blasphemie, wenn man die Stimmen, die aus diesen ewigen Nachtgefilden der Natur herüberraunen, auch gar noch als ,Gottesoffenbarungen’ wertet, die Bibel und anderer Völker heilige Schriften zum ‚Beweis’ heranziehen will, oder gar das religiöse Genie, sofern es sich in großen Menschengestalten zeigte, mit ,Medien’ und Somnambulen vergleichen möchte!
Das alles ist mir zu absurd, und da ich keinerlei geistigen Gewinn für die Menschheit herausschauen sehe, auch wenn in allen Häusern den okkulten Phänomenen nachgeforscht würde, – dagegen unermeßlichen Schaden dadurch verursacht wüßte, – so glaube ich, daß es besser wäre, man ließe die Hände von diesen Dingen, zumal es ja noch genug in der Natur zu erforschen gibt, und unsere eigene Seele auch den Klügsten noch ein Buch mit sieben Siegeln
ist!– –
Vielleicht, liebe Freunde, werden Sie mich jetzt besser verstehen!? –”

*

Noch während der also Redende sich vernehmen ließ, konnte man auf dem Antlitz des Jüngeren den immer mehr sich verstärkenden Ausdruck überraschter Freude bemerken, während der Ältere öfters bedächtig das Haupt zur PDF Seite neigte und in allem erkennen ließ, daß er während der ganzen Erörterung nach Gegengründen suchte, damit seine eigene Auffassung nicht aus dem Felde geschlagen werde.
Kaum war dann das letzte Wort verklungen, so begann er mit seiner Erwiderung:
Diese Auffassung der Dinge lasse sich ja begreifen, meinte er, obwohl sich vielleicht doch auch noch allerlei Einwände machen ließen, – aber alles, was da zur Sprache gekommen sei, betreffe doch lediglich den sogenannten „Spiritismus”, während – was sein Freund offenbar nicht wisse – der eigentliche wissenschaftliche Okkultist allen diesen Phänomenen nur als Beobachter gegenüberstehe und sich, sofern er ernst zu nehmen sei, vorläufig jeder Hypothese entschlage, die etwa von anderer PDF Seite zur Erklärung herangezogen werde.
Es seien doch auch von verschiedenen, sehr bedeutenden Gelehrten Erscheinungen an Somnambulen beobachtet worden, bei denen selbst die geistergläubigsten „Spiritisten” keinesfalls an die Mitwirkung von „Geistern” dächten.
Und er setzte seinen Gedankengang fort indem er sprach:
„Meinetwegen sollen Sie, was die ‚Geister’ verstorbener Menschen anlangt, oder die »göttlichen Offenbarungen’ die man so zu erhalten glaubt, völlig Recht behalten, aber – sollte es nicht doch möglich, ja höchstwahrscheinlich sein, daß der Okkultismus berufen ist, die Existenz der Seele schon im diesseitigen Leben mit Evidenz zu beweisen?!
Man hat doch zum Beispiel Somnambule im Tiefschlaf ausgefragt und es zeigte sich, daß man so zu immer verborgeneren Regionen des Innern vordringen konnte, wobei dann eine andere, höherstehende Wesenheit, und später eine noch weit höherstehende aus der Somnambule sprach, so daß man den Eindruck erhält: je mehr das äußere Bewußtsein verdunkelt wird, desto deutlicher offenbart sich etwas anderes, das im gewöhnlichen Tageserleben nicht wahrnehmbar ist.
Damit aber wäre doch sozusagen der Beweis für ein das Erdenleben überdauerndes Geistiges voll erbracht!”

*

Darauf beeilte sich nun der Jüngere zu ant worten und sprach:
„Ich sehe mich in der seltsamen Lage, bezüglich der Dinge über die wir hier reden, bei Ihnen Beiden Unterstützung zu finden, und bemerke dennoch, daß ich mich Ihnen Beiden deutlicher als es bisher geschah, erklären muß, sollen wir nicht dauernd aneinander vorbeireden!
Zuerst möchte ich die eben erwähnten Versuche mit Somnambulen des Näheren beleuchten, und wenn ich dabei eine gewisse Vertrautheit mit Dingen zeige, die den meisten Menschen unbeweisbar, unerlebbar und unerklärbar dünken, so bitte ich Sie, dies einstweilen hinzunehmen, bis eine spätere Stunde mir erlaubt, Ihnen von der Quelle meiner Erkenntnisse zu sprechen und Ihnen Beiden dann einiges zu sagen, was Ihnen durchaus unbekannt bleiben müßte, fänden Sie nicht Gelegenheit, es von einem zu hören, der es selbst erfahren hat. –
Bezüglich der Somnambulen muß nun auch ich mich als sachverständig bezeichnen und muß mit allem Nachdruck einer Meinung entgegen treten, die hier an der Pforte zum Geistesmysterium zu stehen glaubt!
Es beweist nur, daß man noch nicht im entferntesten ahnt, was der Geist in Wirklichkeit ist, daß man noch über keinerlei wirkliche geistige Erfahrung verfügt, wenn man glaubt, man könne in dem, was aus einer im Tiefschlaf gebundenen Somnambule spricht, dem wesenhaften Geiste begegnen! – –
Ich stimme in allem dem zu, was vorhin über die Unzulänglichkeit okkulter Phänomene gesagt wurde und es war ein offensichtlicher Irrtum, wenn man von mir glaubte, ich sei der Beschäftigung mit solchen Manifestationen – sei es aktiv, oder auch nur als Beobachter – meinerseits zugetan.
Für einen, der die geistige Schulung durchlaufen durfte, die mir vergönnt war, haben die Rätsel des Okkultismus allen Reiz verloren! Der Nimbus des Verborgenen und Unerklärlichen wurde ihnen im Verlauf dieser Schulung gründlich genommen! – –
Wenn ich trotzdem einigen Wert darauf lege, daß man die Tatsächlichkeit der Phänomene des Okkultismus erkenne, so geschieht dies deshalb, weil man ohne diese Kenntnis Gefahr laufen kann, eines Tages in verhängnisvollster Weise düpiert zu werden, und zwar gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet hatte. –
Es ist mir sehr lieb, daß unser Gespräch diese unerwartete Wendung nahm, dadurch, daß vorhin Folgerungen eines nüchternen Denkens ausgesprochen wurden, die sich fast vollständig mit meinen geistigen Erfahrungen decken, – jedenfalls aber sich ohne Mühe mit den Ergebnissen meiner Erfahrung vereinigen lassen.
Jetzt kann ich sozusagen bei offenem Visier zu Ihnen Beiden sprechen und werde kaum zu befürchten brauchen, daß ich mißverstanden werden könnte…
Was also die Somnambulen betrifft, durch deren Mund man Genaueres über Seele und Geistigkeit des Menschen zu erfahren hofft, so unterscheiden sich die mit ihnen angestellten Versuche in nichts Wesentlichem von einer ‚spiritistischen’ Sitzung, es sei denn, man betrachte die wissenschaftliche Aufmachung dabei als wesentlich! –
Es sind die gleichen unsichtbaren physischen Wesenheiten und mit Bewußtsein begabten Kräfte, die hier wie dort ihren Unfug treiben, sobald der Erdenmensch die Gelegenheit dazu schafft. – –
Die Somnambule im Tiefschlaf ist nicht anders die zeitweise Beute dieser dunklen Gewalten, die wahrlich ‚jenseits von Gut und Böse’ handeln, wie das sogenannte, Medium’ in seinem ‚Trance’-Zustand! – – –
Nie wird ein Blick in wirkliche Geisteswelten getan: bei verdunkeltem irdischem Sinnenbewußtsein des also Schauenden! –
Ekstase, Verzückung, ‚Trance’und Somnambul ismus sind nichts anderes als Zustände körperlichen Aufruhrs, und jemehr bei solchem Aufruhr die Herrschgewalt auf körperliche Komplexe übergeht, die ihrer Natur nach nur unter straffer Bindung segensreich zu wirken fähig sind, desto tiefer wird der somnambule Zustand, desto dichter wird die Zwischenwand, die das eigentliche Ich-Bewußtsein von den Gehirnfunktionen scheidet, bis schließlich Lemurenwesen der unsichtbaren, aber keineswegs ‚geistigen’ Welt den herrenlosen körperlichen Organismus ihrem Willen unterwerfen!
Man wird dann aus dem Munde der Somnambulen wie des Trance-Redners jeweils das vernehmen, was dazu angetan ist, dem Experimentator interessant zu erscheinen, oder der gläubigen Gemeinde, sei es durch edles Pathos, sei es durch triviale, aber der vorherrschenden Glaubensrichtung angepaßte Phrasen, ja sei es selbst durch Unflätigkeit, zu imponieren. – –
Was aus dem armen umnachteten Menschen in solchen Zuständen spricht, hat ja kein anderes Bestreben, als sich selbst möglichst eindrucksvoll bemerkbar zu machen, und weiß oft mit größter Schlauheit die Maske zu wählen, die ihm das meiste menschliche Interesse zu sichern
vermag. – – –
Auch der Ekstatiker erlebt den gleichen Zustand wie die sogenannten ‚Medien’, nur mit dem Unterschiede, daß bei ihm das Ich-Bewußtsein nicht allen Kontakt mit den Gehirnfunktionen verliert und ihm nur die äußere Leibesempfindung unwahrnehmbar wird.
Die ‚geistigen’ Welten, die er zu schauen vermeint, sind nichts anderes als die Gebilde seiner plastischen Phantasie, greifbar und wirklich für ihn geworden durch die Vibrationen krampfdurchtobter Nerven! – –
Es ist darum eine strenge Trennungslinie einzuhalten, zwischen allen solchen Methoden körperliche, abnorme Empfindungen zu erwecken, die dann als ‚geistiges’ Erlebnis gedeutet werden, und dem wirklichen Geistes erfahren, das stets nur bei völlig ungetrübtem, ja bei gesteigertem Körperbewußtsein erfolgt! – –

Der sogenannte ‚Okkultismus’ ist ja wahrhaftig keine Entdeckung der neueren Zeit!
Bei allen Völkern und zu allen Zeiten hat man okkulte Phänomene gekannt.
Noch keiner aber hat dieses dunkle Gebiet betreten, es sei denn unter herrschaftsicherer Leitung, der dort nicht am Narrenseil herum geführt worden wäre! – –
Für das Erfahren des wesenhaften Geistes ist ein solcher dann meist dauernd verloren.
Was ihn festhält, läßt ihn gutwillig nicht mehr los, und muß es ihn fahren lassen, da er allmählich völlig ausgesogen ward und nun nicht mehr brauchbar ist, so wurde ihm vorher längst alle Kraft genommen, mit deren Hilfe er sich wieder erheben könnte. –
Wenn Sie Beide, liebe Freunde, bis jetzt glaubten, ich huldigte dem ‚Okkultismus’, der Erforschung all der Phänomene, die in unserem Gespräch bisher genannt wurden und mit denen sich zurzeit tatsächlich sehr namhafte Gelehrte in verschiedenen Ländern befassen, so waren Sie sehr im Irrtum!
Ich mußte nur auch dieses Gebiet der menschlichen Lebensäußerungen vor Zeiten kennen lernen, weil es mein Guru so von mir verlangte.”

*

„Was ist das: ‚mein Guru’? – unterbrach der Physiker den Sprechenden, dem das ihm selbst so gewohnte Wort sichtlich unachtsam entglitten war.
„Ich gestehe”, antwortete der Jüngere, „daß ich nicht im Sanskrit bewandert bin, aber der, den ich ,Guru’ nenne, erzählte mir einst, daß in seiner Heimat die Lehrer geistiger Entfaltung und Erweckung so genannt werden.
Guru soll etwa geistiger ,Vater’ oder ‚väterlicher Lehrer’ bedeuten.

Mich selbst nannte er ‚Chela’, und obwohl dies ganz allgemein nichts anderes als ‚Schüler’ heißen dürfte, erklärte er mir, daß diesen Ehren titel nur wenige empfingen, und daß man in einer ganz besonderen Weise Schüler seines Guru sein müsse, um mit Fug und Recht auch bereits als sein angenommener ,Chela’ zu gelten.
Er selbst war ein Meister der ‚Weißen Loge’.”

*

„Also Freimaurer?” warf der Alte ein.
„Nicht doch”, entgegnete der Junge.
„Die Freimaurerei – wenn man nicht nur am Wort klebt, sondern die Sache selbst meint – könnte einigen Grund haben, sich von der ‚Weißen Loge’ herzuleiten, aber die geistige Gemeinschaft aus der mein Guru stammte, hat nichts mit der Freimaurerei zu tun. Im übrigen ist ‚Weiße Loge’ nur eine äußere Bezeichnung dieser Gemeinschaft und ihre Glieder selbst nennen sich ‚Leuchtende des Urlichts’. –
Es kann keiner zu ihnen kommen, der nicht vor seiner Geburt dazu bestimmt war. Aber die ihnen, ohne selbst zu ihnen zu gehören, in geistiger Weise am nächsten stehen, bezeichnen sie als ‚angenommene Chelas’.
Es sind solche Menschen, die eine besonders intensive Schulung im Geistigen durchzumachen haben, weil sie ein psychophysisches Erbe in sich tragen, das sie zu mancherlei verpflichtet, wozu andere nicht verpflichtet sind.
Erlassen Sie mir, mehr darüber zu sprechen, denn wie Sie ja bereits hörten, haben Sie einen solchen Chela vor sich. –
Ich denke, es dürfte sich so manches, was Sie zeitweilig an mir befremdete, durch diese Mitteilung nun erklären! –”

*

Der vor den Freunden so seltsame und unerhörte Eröffnungen zu geben hatte, hielt nun inne in seiner Rede und es entstand vorerst eine tiefe Stille, so daß der Padrone – wohl in der Meinung, seine Gäste wollten sich entfernen – aus seinem Versteck wieder auftauchte, und als er seinen Irrtum sah, mit überflüssiger Geschäftigkeit an den Fässern zu hantieren begann, die im Hintergrunde des Raumes auf einer Balkenunterlage nebeneinander ruhten.
Man konnte jetzt alles im Gewölbe aufs deutlichste unterscheiden, denn die Augen waren nun an das Dunkel gewöhnt und schon die schmale Lichtritze, die der Vorhang an der Türe ließ, schmerzte sie bereits, obwohl die Sonne schon tief am Himmel stand und sicherlich draußen längst lange Schatten warf…

*

„Da hört man ja merkwürdige Dinge!” meinte der Untersetzte, den man für einen halten konnte dem es nicht gar zu weit zu den Fünfzig fehlt, und warf so mit seiner sonoren Baßstimme das erste Wort wieder in die Stille.
Sodann fuhr er fort:
„Freilich wird mir jetzt manches an Ihnen verständlicher, aber es wird doch noch einiger Aufklärung bedürfen, bevor sich mir das alles rundet!
Sie reden da mit unglaublicher Sicherheit von vielem, das für mich bisher recht unzugänglich war, doch das Schönste ist: – daß Sie mich eigentlich überzeugen, ohne mir Beweise angeboten zu haben!
Ich fühle, daß es sich mit alledem so verhalten muß, wie Sie sagen, mögen Sie nun imstande sein, dafür Beweise zu erbringen oder nicht.
Ihre Worte tragen eine eigentümliche Beweis kraft in sich selbst! – –
Jetzt fängt aber das alles auch erst an, für mich interessant zu werden!
So etwas gibts also heutzutage inmitten unserer nivellierten Welt?! –
Wissen Sie, junger Freund, davon müssen Sie uns noch mehr erzählen!
Ich glaube zwar nicht, daß einer von uns dazu bestimmt ist, der ,Chela’ eines solchen ,Guru’ wie Sie Ihren Lehrer nennen, zu werden, und vielleicht sind wir auch beide schon etwas zu alt dazu, aber bevor ich für meinen Teil einmal von diesem, mir eigentlich immer recht liebenswert erschienenen Planeten Abschied nehme, möchte ich – falls solche Dinge sich hier ereignen können – doch einigermaßen Bescheid darüber wissen, denn alle Phänomene des Okkultismus zusammengenommen interessieren mich nicht einen Augenblick so sehr, wie diese verborgene ‚Weiße Loge’, oder wie sich die Gemeinschaft nennen mag, und dann die Tatsache, daß man da also einem ganz normalen Europäer begegnen kann, der in aller Stille Erkenntnismöglichkeiten zu besitzen scheint, von denen die übrige Menschheit – wenigstens heutzutage und bei uns – so gut wie nichts ahnt. –”

*

„Auch ich”, ließ sich der Weißbärtige vernehmen, „bitte sehr darum, uns weitere Aufklärungen zu geben, – besonders weil mir im Lichte der gehörten Darlegungen einige Hinweise, denen ich in der diesbezüglichen Literatur gelegentlich begegnete, des nur symbolischen Charakters entkleidet erscheinen!
Unser jüngerer Herr Kollege ist ja jetzt durch die gemeinsamen Reise- und Erholungstage, denen wir hier uns widmen wollen, für einige Zeit mit uns zusammen, so daß sich wohl Gelegenheit finden wird, uns etwas tiefer in die Mysterien einzuweihen, denen er seine Erkenntnisse dankt!

Im Augenblick scheint es mir dagegen geraten, ans Heimgehen zu denken, denn wenn auch die Sonne jetzt nicht mehr brennend auf uns lastet, so haben wir doch immerhin anderthalb Stunden zurück bis zur Stadt. –
Wir dürfen vielleicht unterwegs schon einiges hören, das die uns bereits gewordenen Mitteilungen ergänzen könnte? Ich habe da ein paar ganz bestimmte Fragen auf dem Herzen.”

*

Da die beiden anderen Männer den Vorschlag, alsbald nach der Stadt zurückzukehren, gut fanden, bereinigte man seine Zeche und verließ gemeinsam, unter den nicht endenwollenden Bücklingen des Padrone, und seinen, mit dem Wunsche eines baldigen Wiedersehens verknüpften Segenssprüchen, die dunkle Osteria.
Unwillkürlich atmete man auf, als die schon etwas abgekühlte Abendluft die Stirnen bestrich.
Das ganze Gelände lag wie unter einem opalfarbenen Duft; Pinien und Zypressen prägten ihre Silhouetten kräftig in den blaßgoldenen Abendhimmel, und das nahe Meer, wie das Innere einer ungeheuren Perlmuschel schimmernd, verschmolz in kaum geahnter Horizontlinie mit fernen milchig bläulichen Lüften.
Zuerst schritten die Wanderer einer Gruppe von Eukalyptusbäumen zu, dem Kreuzungspunkt zweier Wege, deren einer als Fahrweg durch Felder und kleine ölhaine, zwischen den nie fehlenden Weingirlanden von Ulme zu Ulme, oder von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum, nach der Stadt führte, während der andere, den Fußgängern genußreichere und zudem kürzere, erst dem Meere zustrebte, um dann dem Strande entlang, bald steingepflastert noch von alten Zeiten her, bald über Sand und Seetang, die ersten, von Zypressen überragten Mauern der Parke städtischer Villen zu erreichen.
Wie auf Verabredung bog man nach rechts in diesen Fußweg ein und mit steigendem Wohlbehagen witterte jeder der Drei den immer stärker wahrnehmbaren, herbfrischen Meeresduft.
Am Strande angelangt, hielten die Wanderer unwillkürlich einen Augenblick an, im stetig wieder neuen Erleben der Unermeßlichkeit, vor der atlasglänzenden Wasserweite. –
Bisher waren nur vereinzelte Worte gefallen, deren Ursache das abendlich veränderte Bild der Umgebung war, oder die der Schönheit der ganzen Gegend, der südlichen Herrlichkeit italischer Landschaft galten.
Als man aber dann den Weg am Strande eingeschlagen hatte, erinnerte sich der Weißbärtige seiner Fragen zu den merkwürdigen Eröffnungen des Jungen, die diese Nachmittagsstunden in einer ländlichen Osteria ihm fast wertvoller erscheinen lassen wollten, als ein neuaufgefundenes, längst verschollenes Buch aus alter Zeit, obwohl er stets nach solchen Schätzen alle ihm nur erreichbaren Bibliotheken durchsuchte, und ganz im geheimen immer noch der Meinung war, es könne gar keine von Menschen jemals gefundene Erkenntnis geben, die nicht in einem Buche auf gezeichnet wäre.
Heute erst waren ihm dennoch leise Zweifel gekommen, aber sie vermochten seine Meinung noch nicht zu erschüttern.
Vielleicht war das Buch, das hier alles klärte, nur bis jetzt noch nicht in seine Hände gelangt...