VON LEID UND LEIDESTROST

DAS BUCH DES TROSTES

Leid und Leidestrost.
Von des Leides Lehre.
Von allerlei Torheit.
Von der Trostkraft der Arbeit.
Vom Tröste der Trauernden.







 

VON LEID UND LEIDESTROST

 

Es sind wahrlich nur recht wenige durch die Täler und über die Höhen dieses Erdengestirns geschritten, von denen etwa zu sagen wäre, daß sie des Trostes allzeit hätten entraten können.–
Gewiß waren es auch keineswegs die Tiefsten, und sicherlich beweist es keinen besonderen Vorrang seelischer Stärke, des Trostes nicht zu bedürfen. –

Gleichwie ein tiefes Meer weit längere Zeit braucht, um seine sturmgepeitschten Wogen zu glätten, als ein seichter Tümpel, also auch wird die reiche, tiefe Seele weit stärker von jeglichem Erleben ergriffen, und vermag noch gar lange daran zu leiden, während die seichten Seelen, bei denen nichts in die Tiefe dringen kann, da sie keine Tiefe in sich haben, vom Abend bis zum nächsten Morgen mit ihrem Schmerze fertig werden. –
Trost aber braucht nur der Leidende, den sein Leid bis in seine tiefste Tiefe erfaßte, und dem des Leides bittere Wasser fürderhin die Quellen seines Erdenglückes ungenießbar zu machen drohen.
Es gibt mehr solcher Trostbedürftigen auf dieser Erde, als es Arme an irdischen Gütern gibt, und deren gibt es wahrlich doch genug...
Im Leide offenbart sich erst leider für viele etwas von ihrer Tiefe, denn in der Freude, die wahrlich zu gleicher Tiefe leiten kann, begnügt man sich schon mit dem Wenigen, das die Oberfläche geben mag.

 

 
on suffering and comfort

 

Wohl ist alles Leid dieses Erdenlebens in höherem Erkennen nur als Lüge zu werten und als trüglicher Schein; allein: es gibt keine Lüge, die nicht zuletzt der Wahrheit dienen müßte, und so auch muß das Leid, das diese Erde überreichlich aus sich selbst erzeugt, zuletzt denn doch der Freude noch zum Sieg verhelfen.
Hierin liegt alle Kraft des wahrhaften Trostes beschlossen, soll Trost nicht nur ein Überreden sein, um dich das Leid vergessen zu lassen. –
Willst du es vergessen, so wird es erst recht als Lüge dich betrügen!
Willst du dein Leid jedoch der Wahrheit dienstbar machen, so wirst du es gewiß nicht zu vergessen suchen ! –
Du wirst mutig, Aug in Auge, dem Leid, das dich betroffen hat, gegenüberstehen und es überwinden lernen müssen; doch, Überwinden heißt hier nicht: Vergessen, und noch weniger würde dir geholfen sein, wolltest du feige dem Empfinden deines Leides dich entziehen, wolltest du Lüge auf solche Art durch Lüge bannen. –

Siehe: die großen Meister der Kunst des Lebens sind niemals feige dem Leide aus dem Wege gegangen !
Sie wußten zu leiden, so wie sie der Freude sich hinzugeben wußten .
Sie wußten, daß alles Leid nur der Freude Bedingnis und Unterpfand wird, sobald nur die Leidempfindung erlöst wird aus der Lüge und dem Reich des Scheins. –

Du kannst das Leid gewiß nicht aus deinem Erdenleben tilgen; allein dein Empfinden kannst du wandeln und also auch das Leid entwerten, denn alles Leid ist nur dir dargeboten, damit durch dich es die Ent-wertung finde. –
So erst wirst du aus einem Sklaven des Erdenleides sein Herr und Bezwinger werden !
So nur wirst du das Leid auf solche Weise erleben, daß es dich fördern muß, obwohl es vorher dich zu vernichten drohte! –

Es ist gewiß nicht allzuschwer, auf solche Art dem Leide dieser Erde zu begegnen; doch wirst du nie zum Herrn des Leides werden, willst du der Leid-Empfindung dich entziehen! –
Nur wer das Leid in tiefster Seele zu empfinden fähig ist, der wird zuletzt auch fähig werden, es als Lüge zu erkennen. –
Dann erst wird er sein Leid zu besiegen wissen und den Trost erlangen, der aus der innersten Gewißheit der Erkenntnis aller Wahrheit ihm entgegenleuchtet.

Von diesem einzig würdigen Troste soll hier die Rede sein.
Ich will dir zeigen, daß du seiner teilhaft werden kannst in deinem eigenen Innern, und dann nicht nötig hast, bei anderen dir Trost zu suchen.
Der Trost, den andere dir bieten können, wird dir nur dann aus deines Leides Fesseln helfen, wenn er dir zeigt, wie du dich selbst befreien kannst, und diese Kunst wirst du aus dieses Buches Worten lernen können.