VOM TROSTE DER TRAUERNDEN

DAS BUCH DES TROSTES

Leid und Leidestrost.
Von des Leides Lehre.
Von allerlei Torheit.
Von der Trostkraft der Arbeit.
Vom Tröste der Trauernden.







 

VOM TROSTE DER TRAUERNDEN

 

Hebe dein Haupt, du, der du trauerst um einen Menschen, der deinem Herzen teuer war und ist, und den du begraben mußtest!
Du Mutter, die ihr Kind verlor, du Vater, dem der Sohn entrissen wurde, als er dir schon Freund geworden war, du, der des Vaters, der seiner Mutter Sarg auf das Totenfeld geleiten mußte!

Wohl dir, wenn jene Lehren, die man einst als Kind dir gab, dir solchen Glauben schufen, daß er auch heute noch dich halten kann!
Man sagte dir, die Seele gehe ein zu Gott in ihre Herrlichkeit, und selbst der Erde Leib erfahre einstens seine Auferstehung...
Wenn du solches glaubst: – wie kann ich dich dann in trostloser Trauer sehen!?
Ich fühle mit dir und weiß, was du verloren hast für dieses Erdenlebens Dauer.
Du hast wahrhaftig Grund, zu klagen, und ich weiß um deinen wehen Schmerz...
Aber siehe: – nach deines Glaubens Lehre ist doch der Sieg des Todes dahin!
Es ist doch nur kurze Trennung, die du beweinst, und wenn du wahrhaft in deinem Glauben stehst, dann wirst du zugleich in innerer Freude beben bei der Vorstellung, daß dein Geliebtes nun von allem Erdenleid befreit, in seliger Verklärung bei den Seligen lebt. –

Wohl dir, wenn du wirklich so glaubst und nichts dich an deinem Glauben jemals irre werden lassen könnte!

 
 
comfort

 

Gib dem Schmerz, was des Schmerzes ist, und beweine immerhin, was du für deines Lebens weitere Dauer hier auf dieser Erde nicht mehr sehen, nicht mehr hören, nicht mehr fühlen kannst! –
Du hast Grund, zu weinen, da du hier zurückbleiben mußt, und nirgends mehr findest du während dieses Erdenlebens, was du liebst! –

Aber wenn einst auch für dich dein letzter Tag gekommen ist, dann – sagt dir dein Glaube – wirst du wiedersehen, was du verloren hattest für eine gewisse Zeit, und dann wird der Freude kein Ende sein...
Wohl dir, wenn du noch solches glaubst!
Deine Tränen werden in Bälde versiegen, und du wirst allen Trost in deinem Glauben finden!

Ich fand aber viele, die da vorgaben, solchen Glaubens zu sein, und doch sich in ihrer Trauer nicht zu fassen wußten. –
Ich fand viele, die mit den Lippen glaubten und im Herzen fühlten, daß sie solchen Glauben logen, weil es einmal das Herkommen wollte, daß man zu diesem Glauben sich äußerlich bekenne. –
Überviele aber fand ich, die längst kein Hehl daraus machten, daß solcher Glaube ihnen nichts weiter mehr sei als eine fromme Mär. –
Unter diesen fand ich die meisten, die Trostkraft in sich selber vonnöten hatten, und die auch Trost in sich zu finden wußten, wenn man ihnen die rechten Wege wies . . .

Einmal sagte mir einer:
„Ja, warum lehrt man uns nur diese Dinge, die in sich die Wahrheit bergen, wie man die Kindermärchen lehrt, so daß sie uns verloren gehen müssen, wenn wir der Zeit entwachsen sind, die uns an Märchen glauben ließ?”
Ihm wußte ich zu sagen:
„Ereifre dich nicht gegen jene, die dich einst lehrten, wie sie eben zu lehren wußten, sondern sorge du selbst, daß du anderes zu lehren weißt.”

Wahrlich, die alten Glaubenslehren können guten Trostgrund geben, und wer noch an sie glauben kann, ist letzten Endes gewiß nicht betrogen, auch wenn die Vorstellungen, die sich solcher Glaube schafft, nicht ganz der Wirklichkeit entsprechen. –
Sie lassen dennoch die Wahrheit ahnen: – zeigen, daß dieser Erde sterblicher Leib nur zeitliche Ausdrucksform eines Wesens war, das nicht von dieser Erde ist, und darum auch jeweils nur so lange faßbar bleibt für irdische Sinne, solange es sich in sinnenfälliger Form offenbart, die dieser Erde entstammt.

Gewiß ist es töricht, wenn man den Glauben nährt, als werde einstens ein neuer Leib erstehen aus dem gleichen Stoffe, der den Erdensinnen faßbar ist, allein auch diese Lehre birgt in sich die Wahrheit: daß die bleibende geistige Form des Menschen insofern seiner früheren irdischen Erscheinungsform entspricht, als es auf Erden schon das Geistige war, das der gegebenen Erdenform seine eigenen Züge mehr oder weniger einzuprägen wußte. –

Auch ist es Wahrheit, daß sich die hier auf Erden durch den Tod Getrennten einstmals „wiedersehen” werden, wobei sie sich in ihrer geistigen Form viel sicherer erkennen, als etwa Menschen in der Erde Leib, die einige Jahre lang sich nicht gesehen haben.

Von Grund aus irrig ist aber die Vorstellung, als ziehe des Menschen Geistiges, sobald es dieser Erde Leib verlassen hat, nun in alle „Wonnen des Himmels” ein oder könne in einen Zustand ewiger, grauenhafter Qual verfallen, aus der ihm keine Rettung mehr werde. –

In dieser letzteren Vorstellung ist insofern eine Spur der Wahrheit enthalten, als gänzlich vertierte, nur an Irdischem haftende Naturen wohl Äonen in seelischer Finsternis verharren können, bevor sie geeignet werden, seelisch-geistiges Licht zu schauen.
Jedoch auch hier ist das Gesetz des Geistes, dessen Leben Liebe ist, unendlich milder als die Unbarmherzigkeit des Menschenurteils, und wer auf Erden Liebe hinterlassen hat, kann nie und nimmer solcher äonenlanger Umnachtung verfallen, so fehlbar er auch war. –

Ich habe in meinem „Buche vom Jenseits” ausführlich von dem Zustande gesprochen, in dem sich des Menschen Geistiges nach seines Erdenkörpers Erkalten findet, und dort, wie in vielen anderen meiner Bücher, habe ich auch dargelegt, woher mir Gewißheit gegeben ist, über diese Dinge zu sprechen.
Es genüge, hier zu sagen, daß diese Gewißheit aus gesichertster Erfahrung stammt, so töricht und vermessen es auch Menschen dieser Zeit in der westlichen Welt erscheinen mag, wenn man ihnen sagt, daß es Menschen auf der Erde gibt, die in solcher Hinsicht Erfahrung zu machen fähig sind – Erfahrung, die nur sehr wenigen allerdings zugänglich ist. –

Was aber den Zustand des Bewußtseins anlangt, in dem ein von der Erde Abgeschiedener sich findet, so sei hier gesagt, daß er zuerst nach seinem Erdentode erwacht in einer niederen geistigen Region, die dieser Erde noch sehr nahe ist.
Ist er geistig durch sein Erdenleben bereits bereitet, so verläßt er diese niedere Region alsbald an der Hand von sicheren Führern, die einst auf der Erde lebten wie er, oder auch niemals der Erde Leib getragen haben.
Auf seiner Höhenwanderung, die allerdings nicht mehr mit dem Zeitbegriff der Erde rechnet, begegnet er sodann auch Helfern, die auf der Erde noch im Erdenleibe geistig wirken, dort in der geistigen Region aber in ihrer Geistes form zugegen sind, und wird auch von ihnen stets weitergeleitet, immer lichterem Erkennen und Empfinden des geistigen Lebens zu. –
Dies ist der Weg des Menschengeistes, der geistig sich während seines Erdenlebcns in Liebe, Tat und Wirken an sich selbst dazu geschult hat, auch seither unbekannte Wirklichkeit in ihrem Wesen zu erkennen, und denen Folge zu leisten, die allein ihn dort weiterführen können. –

Die allermeisten aber, die zu jeder Zeit die Erde verlassen, finden sich jedoch – nachdem sie erfassen, daß sie gestaltet, bewußt und handlungsfähig sind – recht wohl in dem niederen geistigen Zwischenreiche und suchen dort zu finden, was ihren Vorstellungen entspricht. –
Da hier die Vorstellung, wie im Traume, als Wirklichkeit erscheint, so sind sie benommen von ihrer selbstgeschaffenen Welt, und sie hören ebensowenig auf die Stimme derer, die sie höher führen könnten, wie etwa ein in tiefem Schlafe Träumender oft nicht erwacht, auch wenn Stimmen in seiner Nähe zu hören sind.

Da auch der Geist des Schuldbewußten immer Gründe kennt, die ihn vor sich selber entschuldbar erscheinen lassen, so wird er sehr bald mit Vorstellungen fertig, die etwa zuerst seiner Furcht vor ewiger „Strafe” oder quälender Läuterung entsprachen, um nun ein „Himmelreich” zu schauen, in dem er alles genau so findet, wie es seiner Erdenvorstellung nach seinem Glauben entspricht. –
Der aber ehemals glaubte, nach dem Tode des Körpers sei sein Leben zu Ende, erschafft sich auf gleiche Weise Vorstellungen erdenhaften Weiterlebens, und jeder derer, die an solchen „Strandreichen” beteiligt sind, ist auf seine Art glücklich, bis auch für ihn allmählich das Erwachen kommt und er die gemeinsam mit anderen erträumte, scheinbare Erfüllungswelt durchschaut, wie ein auf Erden aus dem Schlaf der Nacht Erwachter seinen allein geschaffenen Traum. –
Dann erst ist er reif, die Stimme des Helfenden zu hören und seine Hand zu ergreifen, um den Weg in die höheren geistigen Welten anzutreten, in bewußter Arbeit an sich selbst, von Stufe zu Stufe, immer mehr dem wesenhaften Lichte des Geistes zu, in der Liebe erstärkend und von dem Urquell der Liebe angezogen. –
Hatte der Menschengeist, der sich auf dieser Erde darstellen wollte, aber erst in eines Kindes Körper Darstellung gefunden, und war dieses Kind auch nur so lange im Erdenleben, daß die Vereinigung des Geistes mit den gegebenen Seelenatomen erfolgen konnte, dann ist er wohl seiner selbst bewußt, entbehrt aber noch der Fähigkeit, sich aus irdischen Erinnerungsbildern eine Vorstellungswelt zu schaffen, oder besitzt sie nur in so geringem Maße, daß er dennoch verschont davor bleibt, den bei Erwachsenen oft sehr lange währenden Kollektivtraum einer Scheinglückseligkeit zu träumen.
Er wird dann sogleich von den geistigen Helfern gleichsam an die Hand genommen und höhergeleitet, und wenn er auch weit länger braucht, um seine Stufen zu ersteigen, da ihm auf Erden gesammelte geistige Erfahrung fehlt, so ist er dafür von Anfang an in der lichlen Wahrheit und in der Hand der sicheren Führer. –

Ein „Wiedersehen” und Erkennen kann erst erfolgen, wenn entweder die „Strandreich”-Sphäre der erträumten Erfüllung nie betreten worden war, es sei denn als eilig zu durchwanderndes Land, oder aber nachdem das Erwachen aus solcher erträumter „Seligkeit” bereits erfolgte und bewußt an der Hand des Führers höhere geistige Welten betreten wurden.
Es ist dann jederzeit ein „Wiedersehen” möglich zwischen allen, die sich in ihren Erdentagen kannten oder auch nur voneinander wußten, jedoch nur insofern, als sie durch innere Svmpathie verbunden waren, mögen sie nun auch auf sehr verschieden hohen Stufen ihrer Entfaltung angelangt sein. –
Das Kind, das die Mutter hier in seinen frühen Tagen verlor, wird sich zuerst ihr in der Erscheinung zeigen, in der sie es kannte, und vor ihren Augen wird es sodann sich wandeln in die Geistform, die ihm dauernd bleibt . . .

So wird jeder den anderen erst so erblicken, wie es seiner Erdenerscheinung entsprach, um dann ihn zu sehen in seiner bleibenden geistigen Erscheinungsform, denn die Substanz, die das geistige Bewußtsein trägt, schmiegt sich jeder Vorstellung an, die das Bewußtsein des Menschengeistes von sich haben kann, so daß, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Mensch, der krüppelhaft auf Erden geboren wurde, zuerst für die ihn Wiedersehenden, die nur so ihn in der Vorstellung tragen können, sich auch zeigt in Form dieser Vorstellung, um sie, die er wahrlich hinter sich gelassen wissen will, sogleich wieder zu verlassen und sich als der Gleiche in seiner vollkommenen Geistform zu zeigen. –

All diese Dinge klingen wie die Schilderungen der Märchenbücher und sind dennoch so getreu der Wirklichkeit entsprechend, wie wenn ich hier eine Reihe von irdischen Vorgängen zu schildern hätte, die dir so vertraut sind, daß du sofort sie wiedererkennen würdest. –
Vielleicht darfst du dich fragen, ob nicht so manche Märchenvorstellung hinauf in des Menschen Urheimat weist, und sei es auch nur, daß die Schöpfer des Märchens unbewußt sie erahnten ...

Du siehst aber, daß auch dir, der du nicht mehr glauben wolltest, was man dich in deiner Kindheit einstens lehrte, die gleichen, ja weit sicherere Gründe des Trostes gegeben sind wie denen, die noch in dem Glauben ihrer Kinderzeit Genüge finden! –
Du weißt, daß ich gewiß den Schmerz um den Verlust der Gegenwart geliebter Menschen in der irdischen Erscheinung verstehe.
Aber über diesen Schmerz hinaus ist wahrhaftig kein Grund zur Trauer, auch wenn die Heimgegangenen nach ihrem Wechsel der Anschauungsform gewiß nicht sofort in höchsten Geistesstufen sich erleben, sondern dort in gleicher Weise an sich selber noch zu wirken haben, wie ein Mensch auf dieser Erde an sich wirken muß, will er im Geistigen erreichen, was auch schon während dieses Erdenlebens sich erreichen läßt, davon dir alle meine Bücher Kunde bringen.

Überdies bist du von deinen Lieben, die den Erdenkörper hier verlassen mußten, keineswegs geistig getrennt!
In dir selbst – in deinem eigenen Geistigen – bleibst du mit ihnen verbunden, und wenn du lernen willst, zu lauschen in dein Allerinnerstes, dann wird dir mehr und mehr Gewißheit werden, daß du mit ihnen noch in geistiger Verbindung bist . . .

Hüte dich aber vor allen Versuchen, die Geschiedenen in das Reich der Sichtbarkeit dieser Erde – in den Bereich der äußeren Sinne rufen zu wollen!

Sie selbst kannst du nicht rufen!
Sie sind dir, auch wenn du alle Beschwörungsformeln törichter Nekromanten alter Zeiten kennen würdest, weit entrückt für deine Sinne.

Was du aber rufen könntest, würde dich nur zum Narren eines Gaukelspiels werden lassen, und wäre dir außerdem schadenbringend an deines Körpers und deiner Seele besten Kräften. –

Du wirst auch über diese Dinge vieles in ausführlicher Weise in meinen anderen Büchern nachlesen können, auf die ich hier mich beziehen muß, will ich nicht alles bereits Gesagte wiederholen.

Wie du wahrhaften Trost in dir findest, habe ich dir gezeigt.
Nun kehre dich von deiner Trauer um die Heimgegangenen!
Sie haben ihren Weg jetzt zu durchschreiten, wie du den deinen! –
Erhebe dich zu neuem Beginnen, und wenn du so auf den Weg zum Geiste finden willst, dann wird auch dir hier auf dieser Erde unsichtbare hohe Hilfe nahe sein: – die gleiche Hilfe, die auch deine Heimgekehrten nun zum Lichte leitet. –

Vor allem aber trage Sorge, daß man dich stetig in der Liebe finde!
Nur, die in der Liebe sind, können Führung finden hier wie dort, und erst wenn das Traumreich selbstischer Wünsche dich verläßt, wirst du in die Liebe gelangen, die alles Trostes hehrste Quelle ist! –