WISSEN UND GESCHEHEN

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DAS BUCH DER GESPRÄCHE

Bekenntnis.
Wissen und Geschehen.
Licht und Schatten.
Die Macht des Geistes.
Das Kleinod des Herzens.
Überkehr.
Das Gespräch vom innersten Osten.
Das Gespräch vom Scheiden des Vollendeten.
Der Blumengarten.
Die schlechten Schüler.
Die Nacht der Prüfung.
Individualität und Persönlichkeit.
Das Reich der Seele.
Das Finden seiner selbst.
Von den älteren Brüdern der Menschheit.
Magie.









 

WISSEN UND GESCHEHEN

 

Als ich nach langer Zeit die Hand meines hohen Lehrers, dem ich alles danke, was mir wurde, wieder in der meinen halten durfte, als ich zum erstenmal in des Südens Sonne sein gütiges Auge leuchten sah und seiner Stimme leisen Klang vernahm, da sagte ich ihm, wie gross meine Freude sei, nun auch aus seinem Munde jenes letzte Wissen zu erhalten, das nur so Wenigen auf dieser Erde erfahrbar wird, und ich glaubte damals noch, dieses Wissen sei nichts anderes, als die Lehre einer geheimen «Wissenschaft», den Wissenschaften dieser Erde gleich, jedoch nur wohlerprobten Schülern überlieferbar. – –
Der hohe Meister sah mich lächelnd an und schwieg eine lange Weile.
Dann sprach er:
«Du bist ein echter Sohn des Westens! Was du nicht als ‚Wissenschaft’ empfängst, das erscheint dir fragwürdig, und du wagst es nicht, der Wahrheit zu vertrauen, sofern sie nicht im Gewände der ,Wissenschaft’, auf die Weise, in der man dieses Wort an eueren hohen Schulen versteht, dir gegenübertritt. – – – – –
Du wirst ,umlernen’ müssen, mein Freund!
Du wirst eine andere Art der Belehrung verstehen lernen müssen, als die es ist, die in eueren Landen allein nur Geltung hat. – – –
Wenn du zur Wahrheit kommen willst, so musst du vor allem den Wahn ertöten, als wenn Wahrheit ein ,Wissen’ wäre!
Dein Streben muss hinfort auf anderes gerichtet sein. Du musst dich bestreben, das Geschehen zu ergründen! – – – ”

 
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Und als er wieder eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort:
«Die Welt der Seele ist ständiges Geschehen.
Nicht anders kann die Welt der Seele sich dir enträtseln, als dadurch, dass du eingehst in diese, irdischen Sinnen unerfassbare Welt, als ein Zeuge ihres Geschehens.
Dann wirst du erst jene Weisheit finden, von der auch der Weiseste nichts ,wissen’ kann, sondern der nur wirklich weiss, der jenes Geschehen in sich erlebt hat und zu jeder Stunde neu zu erleben vermag…»

Als der verehrungswürdige Lehrer hier geendet hatte, herrschte lange Zeit grosse Stille, die nur durch den höhnischen Schrei eines Pfeffervogels dann und wann unterbrochen wurde.
Der Meister sah hinaus mit weitem Blick über das silbergrüne Laubgewölke der Olivenhaine, während ich in meinem Geiste die Frage formte, ob nicht doch wohl eine gewisse Stufe der Kultur und des Wissens auch für diese Form der Erkenntnis Vorausbedingung und Notwendigkeit sei.
Da begann der Erhabene, der meine Frage in ihrem Entstehen beobachtet und in meinem Geiste gelesen hatte (da er meine äussere Sprache des Mundes nur mit Mühe verstand und so auch, obwohl in nächster Nähe, mit mir auf geistige Weise Verständigung schaffen musste) aufs neue zu reden, und er sprach:
«Kulturhöhe, Wissen, Gelehrsamkeit, ästhetisches Gefühl, Kunstverständnis und Philosophie, – kurz alles, woran du bei deiner Frage streifend dachtest, sind völlig indifferente Dinge bei Erreichung letzter Wahrheits - erkenntnis.
Das, was ihr philosophische Spekulation’ nennt, und was auch nicht zum wenigsten in meinem Lande seit Jahrtausenden geübt wird, wenn nicht gar mein Land die Wiege dieser Art, ,Wissenschaft’ zu treiben, ist, wirkt geradezu hemmend auf jene geistigen Kräfte, die dem Menschen das Erlebnis seelisch – geistigen Geschehens verschaffen können. – –
Hier sind unsere Gelehrten im Irrtum, wenn sie letzte Wahrheitserkenntnis auf ihre Weise gefunden zu haben glauben, und eure Gelehrten im Westen irren, wenn sie ehrfurchtsvoll die Tiefe unseres Denkens bestaunen und in seinen Resultaten die letzte erreichbare Kenntnis der Wahrheit vermuten. – – – – –
Es ist auch kein Zufall, dass bei euch im Westen Männer des messerscharfen Denkens erwuchsen, die durch ihr Denken zu ziemlich ähnlichen, wenn nicht gleichen, Resultaten kamen, wie die Denker unseres Landes. –
Wie beim Schachspiel unzählige Kombinationen des Figurenbildes auf dem Brette möglich sind, und dennoch niemals das Brett als Spielplatz verlassen wird, so sind auch alle durch Denken zu erringenden Resultate stets an die Gesetze des Denkens selbst gebunden und vermögen ihr Spielfeld nie zu verlassen.
Das aber, was man erdenken möchte, liegt fernab von diesem Spielfeld, kann zwar ein Gegenstand des Denkens werden, – – nachdem man es gefunden hat, – ist aber nie und nimmer durch Denken zu finden…»

Und nachdem wieder eine kleine Pause eingetreten war, die der Meister dazu benutzte, meiner Begleiterin, – einer in allen Fächern des Wissens bewanderten Frau aus alter Gelehrtenfamilie, – einige Aufklärungen über die Unterschiede östlicher und westlicher Art des Lehrens und Lernens zu geben, fuhr er fort:
«Um den ,Stein der Weisen’ – ,die Wahrheit’ – das urtiefe Geheimnis aller Geheimnisse zu entdecken, – – das Urquellende, Ruhe – gebende, alles Sehnen Stillende, – dazu braucht man nicht zu wissen, dass die Erde sich um die Sonne dreht, dass die Sterne der Nacht keine Lichter an der Kuppel des Himmels, sondern Weltkörper sind, woher der Blitz und der Donner kommt, und was derartiger Dinge, die der Verstand des Menschen enträtselte, mehr sind. –
Alles das ist im letzten Sinne für das Erlebnis des Urgründigen völlig gleichgültig. –
Die Sonne könnte sich täglich um die Erde drehen, Blitz und Donner könnten Äusserungen dämonischer Mächte sein, und die Sterne könnten als kleine Leuchtkörper sich allabendlich über unseren Häuptern durch Geister der Luft entzünden lassen. –
Alles das ist nur als durchaus unwesentlich zu betrachten, wenn es sich um die letzte Wahrheitserkenntnis, um das Erleben des Ewigen, handelt…
Irgendeine Fiktion zur Erklärung aller dieser Erscheinungen würde dem Menschen ebenso dienen, wie das sicherste, durch allerlei komplizierte Instrumente zu bestätigende Wissen um den naturgegebenen Zusammenhang.
Wir bedauern die menschliche Willensrich-tung, die dem Menschen solches Wissen so ungemein wertvoll erscheinen liess, weil sie ihm seinen Weg zum Geiste mehr und mehr erschwert. – –
Er verliert durch all dieses Wissen eine Welt der Gefühle, in der er heimisch bleiben sollte. –
Er schafft sich durch seine Instrumente gigantische Organe gedanklichen Erfassens, die zu seinem gegebenen Erfassungsvermögen durchaus in keinem harmonischen Verhältnis stehen, und belügt sich selbst, wenn er glaubt, durch diese, seinen wirklichen Wirkungs-Möglichkeiten längst nicht mehr ent - sprechenden Verstandes-Erkenntnisse, der Wahrheit, die er doch mit alledem sucht, nur um Fadenbreite näher zu kommen....
Alles, was er so erreicht, ist das Bewusstsein einer Ohnmacht in bezug auf die ihm gegebene Gewalt, ein Gefühl der Disharmonie zwischen ,Wissen’ und Erreichenkönnen. –
Dieses Gefühl der Ohnmacht verleitet ihn dazu, die ihm wirklich, aber in rein geistiger Weise gegebene Macht gering zu schätzen, während er zu gleicher Zeit mit Stolz auf seine ,Erfindungen’ blickt, ohne sich bewusst zu werden, dass sie es sind, die ihm gerade das Beste rauben, weil sie das Streben seines Willens in durchaus das eigentliche Endziel fliehen - der Richtung erhalten.....
Er verliert den Sinn für das Relative in den Gegebenheiten der Aussenwelt, verliert den Sinn dafür, dass die ,Gesetze’ der Natur, die er so zu erkennen meint, – auch wenn er sie richtig erkannte, – doch nur bedingungsweise gültig sind, und dass die Kraft des Geistes zwar nicht die ,Gesetze’, wohl aber die Bedingungen der Aussenwelt zu ändern vermag.....
Das Ewige aber, das er mit all seinem Mühen doch eigentlich immer klarer erkennen lernen möchte, bleibt seiner Erkenntnis auf diese Weise, solange er nicht die Richtung seines Suchens wechselt, – dauernd fern. – – – –

Morgen schon könnte diese ganze Welt des unermesslichen Raumes in Trümmer zerstäuben, ein neues Weltenall mit ganz anderer Bedingtheit könnte die Räume erfüllen, Naturgesetze’ könnten zur Wirkung kommen, von denen all eure ,Wissenschaft’ noch nichts ahnt, und doch hätte sich nichts geändert im ewigen Geiste, den es durch Erleben zu erfassen gilt. – – –

Eitel und eintägig ist alles stolze ,Wissen’, das ihr im Äusseren zu erreichen sucht, – eitel und eintägig ist alle vermeintliche Erkenntnis’, die noch der Krücken philosophierenden Denkens bedarf, – aber das durch Erleben bewirkte Erfassen des Wesenhaften macht aus dem ungelehrtesten Bettler, der, nichts von allem ahnend, was ihr ,Kultur’ und ,Fortschritt’ nennt, in seiner Hütte im Walde sitzt, und nur von den milden Gaben der Pilger lebt, die den Dschungel durchwandern müssen, – – einen ewigen König aller Welten, – einen Meister alles
Lebens. – – – – – – –
Wohl sollt ihr nicht, einem solchen Yogi gleich, in den Urwald ziehen, wohl ist es erwünscht, wenn der Schüler der Weisheit, der im Abendlande wohnt, so viel von dem äusseren Wissen seiner Zeit sein eigen nennt, dass er in der Sprache seiner Zeit zu den Menschen seines Landes zu sprechen weiss, allein, alle äussere Wissenserkenntnis darf ihm den Weg nicht verbauen, der ihn erlebend zum Wissen des Geistes führt, darf ihm keine Fessel werden, die sein Schreiten hindert! – –
Erst wenn er sein äusseres Wissen überwunden hat, darf er ernstlich hoffen, das gewisse ,Wissen’ im Erleben des Geistes in sich zu finden! – – – – – – – – – – – – –”